31.08.2017 | Ausgabe 8-9/2017

Gefechte der Giganten

Bild: bht2000 - stock.adobe.com

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Der Mensch der Zukunft hält das Steuer nicht selbst in der Hand. Es dreht sich von alleine, gesteuert von einem Computersystem, die Abstände auf der Straße mit Sensoren genau vermessen. Genauer als das menschliche Auge, und überhaupt, fehlerfreier als der menschliche Fahrer. Selbst Angela Merkel gibt in Argentinien vor einer Gruppe von Studenten zu, der Mensch sei das größte Risiko für den Straßenverkehr. Die Deutschen würden „in 20 Jahren nur noch mit Sondererlaubnis selbstständig Auto fahren dürfen.“ So berichtete Thomas Vitzthum, Korrespondent der „Welt“, aus Buenos Aires. (1)

Zuverlässigkeit statt Risikofreude

Begeistert und vor allem skeptisch schaut der Deutsche auf Paradebeispiele im Ausland. Durch Singapur rollt seit Monaten eine Flotte autonomer Fahrzeuge. Es sind über eine App buchbare Taxis, bisher noch mit technischer Begleitperson, aber die wird von Mitfahrern in ungläubiger Faszination eines selbstständig drehenden Lenkrades schnell vergessen. Fest steht: Der internationale Druck lastet auf den Schultern der deutschen Automobilindustrie. Die war in der Vergangenheit [erscheint mir vor dem aktuellen Hintergrund glaubwürdiger] für Zuverlässigkeit und Sorgfalt geschätzt, für Innovationskraft und Risikofreude weniger.

Freie Zeit im fahrenden Wohnzimmer

Von dem Kuchen der Zukunft wollen alle ein Stückchen abhaben. Autonome Fahrzeuge beherbergen in sich weitaus mehr als ein ausgeklügeltes Computersystem. Sie können ein Grenzöffner sein, den multimedialen Komfort des heimischen Wohnzimmers weitertragen. Rund 400 Milliarden Stunden verbringen alle Menschen weltweit hinter dem Steuer. Viel Zeit, die bespielt werden kann und, wenn es nach Medienproduzenten der Gegenwart geht, bespielt werden sollen.

Media Innovation Platform eröffnet Diskussion

Der Kurfürstendamm in Berlin: Die Deutsche TV-Plattform hat in die Audi City eingeladen, zu ihrer zweiten Ausgabe der Media Innovation Platform. Norbert Bahle, parlamentarischer Staatssekretär des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur, glättet die Wogen: Die Fahrt zur Schwiegermutter solle der Computer übernehmen, die Fahrt zum Skifahren in die Berge am Wochenende der Mensch. Aber er spricht an, was schwer im deutschen Magen liegt: Der Stellenwert des Landes als Vorreiter und Impulsgeber der Automobilindustrie, der gehörig schwer zu verteidigen wird.

Marktdominanz noch nicht entschieden

Der Fahrer, der Zuschauer geworden ist, wird Medien in den Zeiten von selbstfahrenden Autos anders nutzen. Dr. Michael Müller der ProSiebenSat.1 Media SE pocht auf die wichtige Entscheidung, wer die digiatalen Flächen innerhalb des Fahrzeuges bespielen wird, wer die multimedialen Inhalte liefern wird. Besonders, seit auch Unternehmen abseits der Automobilindustrie auf den Markt drücken. „Hier kommen die Giganten aufeinander: Die deutsche Automobilindustrie und Google, Netflix, Facebook. Der Kampf um die Dominanz ist noch nicht entschieden“, sagt Prof. Dr. Andreas Herrmann aus der Direktion des Instituts für Customer Insight der Universität St. Gallen.

Ansprüche durch Synergien festhalten

Das heißt aber nicht, dass sich deutsche Automobilhersteller unter dem internationalen Druck beugen müssen. „Wir müssen uns auf das einstellen, was der Kunde wünscht. Wir wollen dem Kunden einen geschützten Raum bieten“, sagt Martin Deinhard, Head of Development Connected Services & Speech Assistant der Audi AG, und fügt an: „Wir möchten keine Daten an Google weitergeben, keine personalisierten Standorte.“

Ansprüche der Hersteller, die schwer zu halten sein werden. Wenn, dann durch frühe Zusammenarbeit der Industrie. Die Media Innovation Platform in Berlin gab einen Ausblick auf die morgige Welt und ein kurzes Blickfenster auf die Gefechte, die innerhalb der Branchen und der Länder toben müssen.

(1) www.welt.de/politik/deutschland/article165359594/Als-Merkel-in-die-Zukunft-blicken-soll-lacht-das-Auditorium.html


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