12.10.2018 | Ausgabe 10/2018

IBC 2018: IP-basiert, intelligent und in der Cloud

Bild: IBC Management

Am 18. September endete die diesjährige Auflage der europäischen Leitmesse für Broadcast- Technik. Fünf Tage lang informierten sich die Teilnehmer bei zahlreichen Fachvorträgen, Podiumsdiskussionen oder beim Gang durch die Messehallen über die aktuellen Entwicklungen. Wie sich im Vorfeld der Messe bereits andeutete, nahmen die Themen IP, Künstliche Intelligenz und Cloud-Infrastruktur breitem Raum in der Diskussion und in den Showcases ein.

Rund 56.000 Besucher zog es vom 12. bis 18. September erneut ins Amsterdamer Konferenzzentrum RAI, dies bedeutete einen Zuwachs von rund 14 Prozent, wie das IBC Management mitteilte. Auf nahezu 700 m² Ausstellungsfläche präsentierten Unternehmen, Organisationen, Start-ups und Projekte ihre neuesten Lösungen rund um die Akquise, Bearbeitung und Distribution von Inhalten.

Bereits vor der Eröffnung stand eines der Kernthemen fest: der IP Showcase mit Produktpräsentationen, Case Studies und Demonstrationen rund um das Thema IP im Broadcast hatte in diesem Jahr die meisten Teilnehmer seit der Einführung 2016. Vor dem Hintergrund der Einführung der SMPTE ST-2110-Standardreihe im letzten Jahr verwundert dies nicht. So ging es in diesem Jahr bei der Messe vor allem um die praktische Seite der Anwendung, um Erfahrungsaustausch mit Early Adopters und die Lehren, die es daraus auf allen Seiten zu ziehen gilt.

Auch die Nutzung Cloud-basierter Dienste als kollaborative Werkzeuge begleitet die Branche schon seit einigen Jahren. Die großen Cloud-Anbieter haben ihre Position gefestigt, Kooperationen und Integrationen mit unterschiedlichsten Diensten gibt es viele – so viele, dass es sich leicht im Dickicht der Anwendungen verheddern lässt. Ein Umstand, dem sich einige Dienstleister nun widmen, um für den Endkunden das für ihn passende Cloud-Paket zu schnüren. Denn eines steht fest, im Cloud-Zeitalter müssen nicht nur Anbieter übergreifend zusammenarbeiten, auch  die Kooperation in den Medienunternehmen muss mehr denn je fachgebietsübergreifend sein, damit die implementierte Lösung nicht nur so funktioniert, wie angedacht, sondern auf lange Sicht auch tatsächlich effizient ist. Eine weitere wichtige Säule zukunftsgerichteter Medientechnologien ist die Entwicklung und Anwendung intelligenter Algorithmen. Keine Konferenz, keine Messe kommt derzeit ohne Vorträge und Diskussionen rund um das Thema Künstliche Intelligenz (KI) aus, und dass branchenübergreifend und in B2B- wie B2C-Märkten gleichermaßen. Denn so spannend das Thema auch ist, so viele Fragen wirft es auf – ethisch und moralisch auf der einen, technologisch-nutzbringend auf der anderen.

Auch auf der IBC waren viele unterschiedliche KI-Applikationen auf den Messeständen zu finden. So zum Beispiel am Stand der EBU ein Multi-Cloud-KI-Medien-Workflow (mit AWS und Azure), der die automatische Übertragung von Sprache zu Text, automatische Übersetzung und Gesichtserkennung demonstrierte. Im Rahmen des von der EBU kuratierten Projekts arbeiteten die verschiedenen Projektpartner länderübergreifend in Teams zusammen.

Im Rahmen des Konferenzprogramms widmete sich die FKTG in ihrem Diskussionspanel am Montagnachmittag ebenfalls dem Thema „AI for Production“ in unterschiedlichen Anwendun gsgebieten von der Erstellung, Bearbeitung bis hin zur Archivierung von Inhalten. Vertreter der Firmen Adobe, Avid, EVS, Swiss TXT, Skyline Communications and Arvato Systems diskutierten mit Moderatorin und FKTG-Vorstandsmitglied Larissa Görner (Net Insight) über den Status Quo intelligenter Systeme und mögliche Einsatzbereiche in der Zukunft.

Die Teilnehmer des FKTG Diskussionspanels (v.l.n.r.): Robin Ribback, Ben Vandenberghe, Yvonne Thomas, Larissa Görner, Tim Claman,
Johan Vounckx, Bill Roberts / Bild: Angela Bünger

Yvonne Thomas (Arvato Systems) definierte zunächst die im Zusammenhang mit KI verwendeten Begrifflichkeiten. Sie erläuterte, um möglichst genaue Ergebnisse zu haben, müsse sehr viel in das Training des Systems investiert werden. Zudem müsse man sich im Klaren sein, dass KI nicht hundertprozentig genau sei, so ohne menschliche Interaktion eine große Gefahr bestehe, fehlerhafte Inhalte zu erstellen. Sie gab an, dass es gerade für technologisch unterentwickelte Länder/Regionen in Zukunft immer schwieriger werden würde, mitzuhalten, was ein gesellschaftliches Problem sei.

Robin Ribback (Swiss TXT) betonte die Wichtigkeit der Orchestrierung von Diensten, da im Rahmen eines Workflows unterschiedliche Maschinen zum Einsatz kämen. Bei der Spracherkennung sieht er auch in fernerer Zukunft keine komplette Automation, sondern immer eine Interaktion Maschine-Mensch. Gerade im Bereich der SpracherkenSpracherkennung von Dialekten oder weniger verwendeten Sprachen gäbe es noch viel zu tun. Er appellierte daran, dass es nicht nur um größtmögliche Effizienz und Perfektion gehe, sondern vor allem um Zusammenarbeit. TV-Sender müssten viel stärker kooperieren, um in Zukunft erfolgreich zu sein.

Ben Vandenberghe (Skyline Communincations) sprach die Herausforderungen bei der Entwicklung von intelligenter Software für Ökosysteme an. Es seien nicht genügend Datenbanken vorhanden, um die Systeme ausreichend trainieren  zu können. KI sei ein „Mittel zum Zweck“ und werde bei der Umstellung auf IP/IT im Broadcast immer wichtiger. Hier müssten die Nutzer entsprechend beraten werden, um nicht ihre Infrastruktur völlig zu überladen. Dass KI an Bordist, müssten die Endnutzer nicht einmal wissen, wichtig sei  das Resultat.

Für Tim Claman (Avid) steht das Freisetzen von Potenzial im Vordergrund. Routinetätigkeiten sollten der Maschine übertragen werden, damit sich der Kreativarbeiter stärker auf sein eigentliches Produkt konzentrieren könne. Dabei müsse KI noch nicht einmal hundertprozentig genau sein, um bereits eine Hilfestellung zu leisten. Eine Eliminierung von Arbeitskräften sieht er für die Zukunft trotz KI nicht.  o arbeiteten heute mehr Menschen an der Produktion von Inhalten als früher.

Johan Vounckx (EVS) betonte die Möglichkeiten von KI als Problemlöser, z. B. in der Live-Produktion, die immer mehr Content mit gleichem Budget hervorbringen muss. Hinsichtlich der  ualität müsse man sich bei manchen Anwendungen fragen „was gut genug  ist“, es gehe nicht immer um Perfektion. Bill Roberts (Adobe) appelliert an die Möglichkeiten, kreativer zu arbeiten und schneller auf die Bedürfnisse des Marktes zu reagieren, wenn Routinetätigkeiten an die Maschine ausgelagert würden. KI müsse jedoch immer im Zusammenspiel mit dem Menschen gesehen werden, auch um mögliche Fehlerquellen  uszuschalten.

IP, Cloud und KI im Zusammenspiel – die Welt der Medienproduktion wird sich in Zukunft weiter rasant verändern. Doch der Mensch bleibt ein entscheidendes Rädchen im Getriebe. Damit schließt sich der Kreis, denn die Inhalte werden auch für den Menschen gemacht.


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