05.12.2018 | Ausgabe 12/2018

Medientage München 2018

Künstliche Intelligenz zwischen Evolution und Datenzauber

Mit Roboy 2.0, einem KI-Roboterprojekt der TU München, konnte man sich unterhalten, allerdings nur auf Englisch / Quelle: Medientage München

Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) ist aus dem Medienbereich derzeit nicht wegzudenken. Auch auf den Medientagen München vom 24. bis 26. Oktober wurde über Vor- und Nachteile sowie Einsatzmöglichkeiten diskutiert.

Auf den diesjährigen Medientagen München brachte Prof. Dr. Maximilian Herberger von der Universität Saarland die Frage, ob künstliche Intelligenz (KI) Fluch  oder Segen für die Medien sei, auf den Punkt, als er sagte, man wisse eigentlich gar nicht, womit man es zutun habe. Vielleicht ist es diese Ungewissheit, die dazu  führt, dass sich deutsche Medienhäuser im Umgang mit KI-Anwendungen zurückhalten.

Herberger spielt auf die fehlende Definition der KI an. Sie wird beschrieben als Aktion einer Maschine, die man beim Menschen als intelligent bezeichnen würde. Diese zirkuläre Beschreibung existiert seit den 1960er-Jahren. Bis heute ist keine bessere Definition hinzugekommen. Im Gegenteil: Laut Herberger findet eine rhetorische Potenzierung des Begriffs statt, insbesondere durch die  Politik. Sein Kollege Prof. Dr. Alexander Filipović warnte dann auch vor falschen Definitionen und Begriffen. Der Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie München sieht derzeit eine Tendenz zu Marketing-  rzählungen und Datenzauber, wie er es auf einem Panel der Medientage nannte - ein Beleg dafür, dass künstliche Intelligenz derzeit im Trend liegt. In München wurde jedoch der Blick hinter diesen Trend geworfen: Wer setzt zu welchen Zwecken KI ein – und welche Veränderungen bewirkt sie.

Das Potenzial der KI ist groß und erstreckt  sich auf alle Bereiche der Wertschöpfungskette der Medien. Es reicht von der Erkennung falscher Informationen oder anstößiger Inhalte über personalisierte Anwendungen bis zur Produktion neuer Unterhaltungsformen durch Augmented oder Virtual Reality. Gleichwohl treten die Grenzen der künstlichen Intelligenz zu Tage, wenn beispielsweise Facebook die Abbildung eines Gemäldes zensiert, weil darauf zu viel nackte Haut zu sehen ist.

Von Alibaba bis Watson
 Beispiele für KI findet man vornehmlich im Ausland. Die chinesische Suchmaschine Alibaba generiert 400  Millionen Werbebanner mit Hilfe einer KI. Das Unternehmen Vintage Cloud setzt künstliche Intelligenz zur automatisierten Erstellung von Metadaten für Filmarchivmaterial ein und die Washington Post lässt mit einer KI Artikel produzieren. Im Umfeld des Tennisturniers US Open kommt IBM Watson zum Einsatz. Die KI identifiziert  Schlüsselwörter, Objekte, Persönlichkeiten und auch Emotionen, um einen Video-Zusammenschnitt aus den Höhepunkten des Turniers zu erstellen.

Auch in Deutschland setzen erste Medienhäuser KI-Anwendungen ein, die allerdings im Ausland, vornehmlich in den USA, entwickelt werden. ProSiebenSat.1 nutzt zum Beispiel Amazons Sprachassistenten Alexa. Für das TV-Magazin „Galileo“ existiert ein Alexa-Skill, it dem der TV-Konzern die Reichweite der Sendung erhöhen will. Außerdem wurden im Rahmen der Galileo- Kooperation mit Amazon Sonderwerbeformen entwickelt. Darüber hinaus kommt KI auch für das Empfehlungssystem  des Video-on-Demand-Dienstes Maxdome zum Einsatz. Dabei will sich ProSiebenSat.1 aber nicht völlig auf künstliche Intelligenz verlassen, denn eine reine Recommendation Engine habe Probleme, das Passende zu finden, wie Nicole Agudo Berbel, Chief Distribution  Officer & Executive Vice President Digital Publishing bei  ProSiebenSat.1, auf den Medientagen erklärte. Deshalb bearbeitet zusätzlich eine Redaktion die per Algorithmus ermittelten Empfehlungen.

Ähnlich wie ProSiebenSat.1 nutzt auch der Verlag Gruner + Jahr Alexa. Neu für den Verlag ist, dass nun interaktiv mit dem Nutzer kommuniziert wird. Das ist für Eva-Maria Bauch, Geschäftsführerin der G+J Digital Products, und ihr Team ein Lernprozess. So weit wie die Washington Post sind die Hamburger bei der automatisierten Erstellung von journalistischen Inhalten noch nicht. Einige hilfreiche KI-Tools sind laut Bauch aber bereits im Einsatz. Der „Stern“ nutzt zum Beispiel eine Anwendung, um Videos aus Text zu generieren. Das Tool wurde 2011 vom Startup Wibbitz entwickelt und auf den Medientagen vorgestellt. Für die Videokreation steht ein Archiv mit lizenzierten Bildern, Videos und GIFs bereit. Darüber hinaus greift Gruner + Jahr auf ein KI-Tool zurück, um Social Media Posts auf den verschiedenen Kanälen zum passenden Zeitpunkt auszuspielen.

Gerade im Verlagssektor und im Zusammenhang mit der Textproduktion findet man erste KI-basierte Anwendungen. So präsentierte das Berliner Unternehmen Retresco in München  eine Software, mit der bereits 225.000 Wetterberichte pro Tag und rund 100.000 Fußballberichte am Wochenende produziert werden. Die Stuttgarter Zeitung generiert auf Basis einer KI ihre  Berichterstattung über die Feinstaubelastung in der Landeshauptstadt.

KI und Videoproduktion Wesentlich zurückhaltender gibt sich der öffentlicherechtliche Rundfunk zum Thema KI. Eva Feigk aus der ZDF-Hauptredaktion Aktuelles Zentrale Aufgaben, erklärte auf den Medientagen München, dass am Mainzer Lerchenberg derzeit diskutiert werde, inwiefern man sich überhaupt auf KI verlassen könne. Sie geht davon aus, dass künstliche Intelligenz zuerst im Rahmen der Metadaten- Generierung eingesetzt werde, bevor es für die Automatisierung der News-Produktion in Frage komme. Derzeit teste das ZDF laut Feigk Cloud-basierte Anwendungen.  In diesem Rahmen gab es auch schon erste  ersuche mit KI, aktuell zur vergangenen Bayernwahl. Ergebnisse liegen noch nicht vor.

Etwas weiter ist man bereits beim arabischen Nachrichtensender Al Jazeera. Die Cloud ist heute fester Bestandteil des Produktionsalltags. Der Sender begann vor drei Jahren mit der Cloud und nutzt inzwischen seit zwei Jahren Microsoft Indexer. Das Tool archiviert in der Cloud Inhalte und nutzt dafür Funktionen wie Speech-to-text oder Face Recognition.

Über den großen Aufwand zur Einführung einer KI sprach Miljenko Logozar, Chief Broadcast Architect bei Al Jazeera Media Network. Der Sender musste der KI zunächst den eigenen Sprachstil beibringen. Der hohe Aufwand ergab sich dadurch, dass im Fall von Al Jazeera keine englischen Muttersprachler die KI-Modelle entwickelt haben. So kommt Logozar auch zu dem Schluss, dass der Weg zur Cloud und zur KI mit etlichen Fehlern  gepflastert sei. Aber davon dürfe man sich nicht abschrecken lassen. Dieses Trial-and-Error-Prinzip ist jedoch nicht gerade in der DNA des deutschen Unternehmertums verankert. So kritisiert etwa Hans Christian-Boos, CEO von Arago, dass in Deutschland zu schnell an die Monetarisierung gedacht werde. Seine Firma hat eine KI-basierte Prozesssteuerung entwickelt, die in Unternehmen sämtliche Arbeitsabläufe übernehmen kann. Dafür hat Arago neun Jahre lang Daten gesammelt. Die  ntwicklungszeit habe laut Boos insgesamt zwölf Jahre gedauert.

Schwache und starke KI
 Die genannten Beispiele für den Einsatz der KI verdeutlichen, dass künstliche Intelligenz in den Medien bislang hauptsächlich für Effizienzgewinne eingesetzt wird. Sie dient zur schnelleren Erstellung medialer Inhalte, zur  Spracherkennung oder auch im Marketing zur personalisierten Ansprache des Kunden. Disruptive Geschäftsmodelle auf KI-Basis finden sich hingegen kaum. Daher sprechen Experten auch von einer schwachen KI, die derzeit vielerorts im Einsatz ist. Die starke KI wird  hingegen Kundenpräferenzen in Echtzeit erfassen und anpassen. Neuronale Netze werden zur Prognose und zur Generierung medialer Inhalte genutzt werden. Laut Alexander Henschel, Leiter der Bereiche TMT und Business Services beim Beratungsunternehmen Goetzpartners, wird künstliche Intelligenz die vollständige Kundenorientierung ermöglichen. Überspitzt gesagt wird die KI wissen, was der Kunde wünscht, bevor er es selbst weiß. Henschel geht jedenfalls davon aus, dass das KI-Marktvolumen von derzeit sieben auf 90 Mi liarden US-Dollar im Jahr 2025 steigen wird.

Derartige Prognosen über das Potenzial von künstlicher Intelligenz mögen ein Grund dafür sein, dass die Skepsis gegenüber KI so groß ist. Der Begriff Roboterjournalismus verdeutlich die Befürchtungen, wenngleich unentwegt darauf hingewiesen wird, dass KI den kreativen Schaffensprozess lediglich unterstützen, nicht aber ersetzen kann. Es braucht immer noch einen Menschen, der die lernfähige Maschine trainiert. Welche Probleme dabei auftreten können, demonstrieren die Beispiele von Al Jazeera und Facebook. Da Amerikaner oder Chinesen einen anderen Wertehorizont als Europäer haben, plädiert Wissenschaftler Filipović dafür, die europäische Innovationsfähigkeit für eigene KI-Produkte zu fördern. Die Frage ist nur, wie KI funktioniert, wenn die Maschine den Menschen nicht mehr benötigt, um sich weiterzuentwickeln.


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