11.10.2019 | Ausgabe 10/2019

„Künstliche Intelligenz schafft Freiräume“

PTKO-Presseforum: KI stößt Tor zu komplett neuer Welt auf

In angeregter Diskussion über KI in der Medienproduktion (v.l.n.r.): Sabine Dahl (rbb InfoRadio), Jukka Niva (YLE News Lab), Christian Radler (ARD aktuell), Rainer Tief (BR), Tilman Wagner (Deutsche Welle), Robert Bachem (ZDFinfo) und Gerald Meyer (rbb Fernsehen) / Quelle: rbb/Oliver Ziebe

Wie kann Künstliche Intelligenz (KI) die Medienproduktion unterstützen? Der Einsatz von KI
bietet heute viele neue Optionen, sei es im tagesaktuellen Nachrichtengeschäft, in der
Programmplanung oder auch in der Archivauswertung. Das PTKO-Presseforum rückte aktuelle
KI-Anwendungen auf der IFA 2019 in den Mittelpunkt.

Bei einem Thema wie „Künstliche Intelligenz in der Newsproduktion“ stellt sich zunächst die Definitionsfrage: Ähnlich wie bei den Schlagwörtern Digitalisierung  und Internet der Dinge existierten auch für den Begriff Künstliche Intelligenz (KI) eineVielfalt von Definitionen, sagte Prof. Dr. Birgit Spanner-Ulmer, Vorsitzende der PTKO und Produktions- und Technikdirektorin des Bayerischen Rundfunks. 

Eine Definition, die ihr besonders gefällt, stammt aus dem Hause Fraunhofer: „Künstliche Intelligenz ist keine Magie. Sie bezeichnet stattdessen den Einsatz von IT-Lösungen und Methoden, selbständig Aufgaben zu erledigen, wobei die der Verarbeitung zugrundeliegenden Regeln nicht explizit durch den Menschen vorgegeben sind. Bisher erforderten diese Aufgaben immer menschliche Intelligenz und dynamische Entscheidungen. Jetzt übernimmt die Künstliche Intelligenz und lernt anhand von Daten, Aufträgen und Arbeitsabläufen, diese Aufgaben zu erledigen.“ 

Aber unabhängig davon, wie KI nun zu definieren ist, hat der technische Fortschritt den Menschen stets Aufgaben abgenommen, sagte Spanner-Ulmer. Und er habe neue, reizvolle Möglichkeiten geschaffen, die freigewordene Zeit einzusetzen: „Meine persönliche Einschätzung ist, dass Mensch und Maschine sich gut ergänzen. Das trifft auch auf die menschliche und maschinelle Intelligenz zu“, betonte die BR-Technikchefin. Niemand müsse sich Sorgen machen,  wenn Technik auch einige Teilbereiche menschlichen Denkens übernehmen kann – und zwar aus einem einfachen Grund: „Die Genialität des Menschen ist und bleibt seine Vielseitigkeit.“ 

Keine Science-Fiction mehr
Dass Künstliche Intelligenz ein Tor zu einer komplett neuen Welt aufstoßen kann, daran ließ Patricia Schlesinger, Intendantin des Rundfunk Berlin-Brandenburg, keine Zweifel. „Bereits seit über 60 Jahren forschen Experten zu diesem Thema, und zum ersten Mal in der Geschichte sind wir an einem Punkt, dass die Menschheit über die technischen Voraussetzungen verfügt, die wir noch vor ganz wenigen Jahren eher für Science-Fiction des Kinos gehalten haben.“ KI lenke bereits heute die Aufmerksamkeit der Nutzer im Internet, sei Teil der Kommunikation. „Sie steuert Passagiermassen am Flughafen, trifft Voraussagen zu Kreditvergabe oder Investments. Sie diagnostiziert mit großer Genauigkeit Krankheiten, und rettet so auch Leben.“ Und Künstliche Intelligenz kann die Welt sogar mit Poesie beglücken, so habe die Jury des Brentano Verlages im vorigen Jahr ein Gedicht in die offizielle Sammlung der Frankfurter Bibliothek aufgenommen. „Ein Gedicht, dessen Schöpfer KI war. Das Gedicht hatte einen sehr sehnsuchtsvollen Titel, es hieß ‚Sonnenblicke auf der Flucht‘“, erzählte Schlesinger.

Doch auch abseits der „gefühlsbetonten Kunst“ erscheine Journalismus längst nicht mehr als maschinengeschützte Domäne, die konkurrenzlos nur dem Menschen vorbehalten ist. Eine perfekte Datengrundlage für Algorithmen sind die riesigen Informationsströme des 21. Jahrhunderts. Daraus kann KI in Sekundenschnelle automatisierte Texte zusammensetzen. „Und besonders gut funktioniert das, wenn die Daten leicht verfügbar sind - Wetter, Sport, Börse, Verkehr. Für diese Bereiche gibt es exzellent programmierte Assistenten und sie entlasten auch Redaktionen.“ Wie gut KI in der Newsproduktion bereits funktioniert, darüber hat sich die rbb-Intendantin ein eigenes Bild verschaffen können: Sie führte als Beispiel eine App an, die von einer Leichtathletik-Veranstaltung ein Bildangebot für den Reporter erstellt hatte – mit verblüffendem Ergebnis: „Das war ein sinnvoll gebauter Beitrag. Ob ein Algorithmus oder ein Journalist eine nüchterne Meldung, einen Nachrichtenbeitrag erstellt, ist kaum zu unterscheiden.“

Qualitätsjournalismus als Gegengewicht
Dennoch – und gerade deswegen – ist Schlesinger zufolge „menschengemachter“ Journalismus heute wichtiger als je zuvor. „Weil Fake News mit ihrem Erregungspotenzial mehr Reichweite erzielen, werden sie von Algorithmen mit höherer Sichtbarkeit in der Timeline oder auf Videoplattformen belohnt“, sagte sie. Für den Mediennutzer wird es dadurch immer schwerer, sich „ganz nüchtern“ ein Bild von der Realität zu machen. Qualitätsjournalismus sieht sie als Gegengewicht unersetzlich.

„Er publiziert saubere, glaubwürdige Nachrichten, auf die sich die Menschen verlassen können.“ Zwar kann Künstliche Intelligenz den Wert einer Nachricht ebenfalls gewichten, die Seriosität von Quellen prüfen und Fake News enttarnen, allerdings könne sie auch den Informationsfluss hemmen – wenn Nachrichten durch Algorithmen unterdrückt werden. Die rbb-Intendantin nutzte deshalb die Gelegenheit zu einem Plädoyer für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der als staatlich und kommerziell unabhängige Instanz im Technologiezeitalter der neuronalen Netze eine neue Wächter-Funktion habe.   


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