02.12.2019 | Ausgabe 12/2019

Noch flexiblere Produktion mit 5G-Campusnetzen

Arnold Stender, Vorsitzender der Geschäftsführung, Media Broadcast Quelle: Media Broadcast

Arnold Stender, Vorsitzender der Geschäftsführung, Media Broadcast Quelle: Media Broadcast

Künftige 5G-Campuslösungen bieten sich für vielfältige Anwendungsszenarien an – von der permanenten Produktion in Studios und Werksgeländen bis hin zu komplexen Event-Übertragungen. Mit der neuen Mobilfunkgeneration lassen sich noch mehr Kameras drahtlos betreiben, was die Produktion in Zukunft noch flexibler machen soll. FKT sprach darüber mit Media Broadcast-Chef Arnold Stender.

In einem Showcase hat Media Broadcast auf den Münchner Medientagen gezeigt, wie ein zukünftiges 5G-Campusnetz für TV-Produzenten aussehen kann. Quelle: Media Broadcast

FKT: Herr Stender, Media Broadcast hat auf den Münchner Medientagen gezeigt, wie ein zukünftiges 5G-Campusnetz für TV-Produzenten aussehen kann. Welches Equipment kam bei dem Showcase zum Einsatz?
Stender: Wir haben auf den Münchner Medientagen ein komplettes, 5G fähiges Mobilfunk-Campustestnetz aufgebaut und betrieben. Da die 5G-Campusfrequenzen noch nicht verfügbar waren, wurde uns von der Bundesnetzagentur ein 20 MHz breiter Frequenzblock im 2,3 GHz Band zur Verfügung gestellt. Die benötigten Mobilfunkkomponenten sind bereits kommerziell verfügbar und sowohl 4G- als auch 5G-fähig. Sobald die Frequenzen im 3,7 GHz-Band verfügbar werden, kann das Campusnetz daher mit 5G betrieben werden. In unserer Demo in München kam auf Grund der verwendeten Frequenz noch LTE Advanced zum Einsatz.
Die Signale von bis zu vier unterschiedlichen Kameras von der professionellen TV-Kamera über Webcams bis zu Smartphones wurden über das Mobilfunk-Campusnetz in die Regie in einem unserer Ü-Wagen übertragen. Dazu wurden die HDTV-Signale auf H.264/MPEG-4-AVC bzw. H.265 (HEVC) komprimiert und mit je 5 Mbit/s (H.264) beziehungsweise 3,5 Mbit/s (H.265) in die Regie zugeführt. Die vor Ort verwendete Bandbreite betrug 22 Mbit/s im Uplink und 82 Mbit/s im Downlink. In einem 5G-Campusnetz kann die Bandbreite noch einmal um ein Vielfaches höher liegen, da mehrere Carrier (Frequenzblöcke) mit bis zu 100 MHz Bandbreite aggregiert werden können. Das in München verwendete System kann so aktuell 400 Mbit/s im Downlink und 100 Mbit/s im Uplink erreichen. Mittelfristig versprechen weitere 5G-Neuerungen unter anderem bei den Antennen zusätzliche Steigerungen.
Für den Showcase bei den Münchner Medientagen benutzte unser Partner – Smart Mobile Labs aus München– seinen EDGE-Video-Server für besonders geringe Latenzzeiten bei der Signalzuführung und für die parallele Echtzeit-Übertragung von Metadaten zu den jeweiligen TV-Bildern.

FKT: Ihr Partner Smart Mobile Labs steuerte Live-Metadaten mit eigenen Sensoren und eine Smartphone-App mit Realtime-Statistik-Einblendungen bei. Welche konkreten Anwendungen werden damit möglich?
Stender: Beinahe jegliche heute schon gebräuchlichen Metadaten wie: Statistiken, Grafiken, Sensor gestützte Auswertungen, wie etwa die Geschwindigkeit eines Schlagschusses im Eishockey. In unserer Demo wurde die Geschwindigkeit eines Fußballs gemessen. Insbesondere in der Sportberichterstattung nehmen ergänzende Live-Metadaten eine immer wichtigere Rolle ein. Die Herausforderung besteht darin, sie auch in einer vor Ort Produktion über Mobilfunk in Echtzeit zusammen mit den Bildsignalen zu übertragen.

In einem Showcase hat Media Broadcast auf den Münchner Medientagen gezeigt, wie ein zukünftiges 5G-Campusnetz für TV-Produzenten aussehen kann. Quelle: Media Broadcast

FKT: Die neue 5G-Technologie bietet sich an für den Einsatz drahtloser Kameras und Equipments und für die drahtlose Übertragung der TV-Signale in die Regie. Welche Anwendungsszenarien sind künftig denkbar?
Stender: Die Anwendungsszenarien reichen von permanenten 5G-Campusnetzen in Studios und Werksgeländen etwa von Sendeanstalten oder Produktionsfirmen bis hin zu geplanten hochwertigen Event-Übertragungen. In der Produktion lassen sich mehr Kameras als bisher kabellos betreiben, was die Produktion flexibler macht. Bisher verwendetes drahtloses Equipment kann langfristig auf einen globalen Standard harmonisiert werden. Dadurch sollten über die Zeit entsprechende 5G-Chipsätze günstiger werden als bei heutigen proprietären Lösungen.

FKT: Während Sie für solche 5G-Campuslösungen mittelfristig Potenzial sehen, wird es Ihrer Einschätzung nach für die terrestrische Verbreitung von linearem TV via 5G aber noch viele Jahre brauchen. Warum?
Stender: 5G Broadcast ist ein spannendes Thema, mit dem wir uns intensiv beschäftigen, etwa im Rahmen unserer Mitarbeit bei der 5G Media Initiative. Zudem haben wir vor, auch der paneuropäischen 5G MAG-Initiative beizutreten. Und schließlich planen wir einen eigenen Feldtest mit 5G Broadcast. Alle Marktteilnehmer eint der Wunsch, in der Zukunft lineares TV neben dem First und Second Screen im Haushalt auch auf alle Smartphones und Tablets zu bringen.
Auf Grund technischer und regulatorischer Hürden, vor allem aber wegen noch fehlender Geschäftsmodelle, wird es voraussichtlich aber noch viele Jahre dauern, bis die Technik für die terrestrische Verbreitung von linearem TV in Betracht kommen könnte. Ob das dann 5G basiert sein wird oder 6G oder eine ganz andere Technologie, steht noch nicht fest. Die Standardisierung von 5G Broadcast ist noch nicht abgeschlossen.
Für den Hörfunk sehen wir 5G Broadcast nicht, da der Standard für lineares Radio keinerlei Vorteile gegenüber DAB+ bietet, Hörfunk anders als TV in der Standardisierung von feMBMS nicht vorgesehen ist und damit nicht davon auszugehen ist, dass die Chipsatz- und Endgeräteindustrie es in zukünftige Geräte aufnimmt. Internetradio existiert schon heute und wird oftmals anders genutzt als lineares Radio, eher wie Playlists oder Podcasts. Für Internetradio braucht man weder 5G noch 5G Broadcast.
Der eigentliche Knackpunkt wird aber nicht die Technik sein, sondern die Geschäftsmodelle, auf die sich die Marktteilnehmer einigen. So gibt es mit LTE Broadcast (eMBMS) bereits seit Jahren einen technisch ausgereiften Standard, der jedoch nicht für die TV-Übertragung genutzt wird, weil es kein funktionierendes Geschäftsmodell gibt. Diese Herausforderung bleibt vorerst, auch wenn 5G Broadcast einmal technisch verfügbar sein wird, gleich.

FKT: Die EBU, die mit „5G MAG“ eine Taskforce für den neuen Mobilfunk-Standard gebildet hat, sieht 5G als Chance für einen Brückenschlag zwischen Unicast- und Broadcast-Diensten für mobile Geräte – und zwar auf Basis derselben Übertragungstechnologie. Wie bewerten Sie das?
Stender: Diese Chance besteht in der Tat und muss genauer beleuchtet werden. Auch hier erwarten wir weniger bei der Technik Herausforderungen als bei den Geschäftsmodellen. Es ist aktuell noch zu früh, einzuschätzen wo, wie und wann die unterschiedlichen Interessen, etwa von Rundfunkanstalten und Mobilfunknetzbetreibern zusammenfinden.
Angesichts der zunehmenden Bedeutung globaler Plattformen, etwa für die Meinungsbildung und Information der Bevölkerung, stehen auch Politik und Regulierung vor großen Herausforderungen, zu gewährleisten, dass die Sendeanstalten auch in Zukunft ihren gesellschaftlich wichtigen Grundversorgungsauftrag erfüllen können.

FKT: Ein Ausblick: Wann rechnen Sie mit der Freigabe der Frequenzen im Bereich 3,7–3,8 GHz und dem Start erster 5G-Campus-Projekte?
Stender: Die Bundesnetzagentur hat inzwischen – im Übrigen auch für mittelständische Unternehmen moderate– Nutzungskosten veröffentlicht. Wir begrüßen die Entscheidung und erwarten, dass die Frequenzen schon in Kürze beantragt werden können. Dabei unterstützen wir unsere Kunden gerne.

FKT: Herr Stender, vielen Dank für das Gespräch.

 

Interview: Martin Braun


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