02.04.2019 | Ausgabe 4/2019

Berlinale 2019 Abschied und Neubeginn

Goldener Bär für den besten Film: Synonymes (Synonyms) von Nadav Lapid – Regisseur Nadav Lapid und Produzent SaÏd Ben SaÏd /Quelle: Berlinale 2019/Richard Hübner

Als am 17. Februar die 69. Berlinale mit dem Publikumstag zu Ende ging, läutete dies ebenfalls das Ende einer Ära  ein: Nach 18 Jahren nahm Festival-Direktor Dieter Kosslick Abschied von Festival und Publikum. Während dieser Zeit hat er viele Neuerungen auf den Weg gebracht, neue Sektionen und Programme entwickelt und dem Festival seinen Stempel aufgedrückt. Doch nicht nur inhaltlich, auch technisch fiel in diese Zeit eine signifikante Neuerung, die in diesem Jahr nach zehn Jahren abgeschlossen wurde – die Digitalisierung des Festivalbetriebs.

EEs war ein bewegendes Finale: Als am 16. Februar der Film „Synonymes“ (Synonyme) des israelischen Regisseurs Nadav Lapid mit dem Goldenen Bären für den  Besten Film ausgezeichnet wurde, ging für Dieter Kosslick seine letzte Amtszeit als Festival-Direktor zu Ende.Von 2002 bis 2019 war er für die Berlinale im Einsatz,  gab ihr ein neues Profil, eckte mit seiner Filmauswahl auch so manches Mal an. Er führte zudem zahlreiche Neuerungen ein, darunter die Sektion Deutsches Kino oder Initiativen wie Berlinale Talents und den Co-Production  Market.

Heute sind die Berliner Filmfestspiele als weltweit größtes Publikumsfestival bekannt, das Fachbesucher und Filmfans aus aller Herren Länder alljährlich in die deutsche Hauptstadt  lockt. Und auch in Sachen Technologie setzte man frühzeitig ein Zeichen. Bereits 2009, als viele Filmfestivals noch auf analoge Technik setzten und Filmrollen durch viele Hände gingen, suchte man in Berlin nach neuen Wegen. In diesem Jahr, zum zehnjährigen Jubiläum, ist die Digitalisierung der Festival-Infrastruktur vollständig abgeschlossen.

Server im Colt-Rechenzentrum in Berlin-Moabit / Bild: Arne Landwehr

Wie alles begann 
2009 nutzte die Berlinale erstmals den Breitband-Internet- ervice des Unternehmens Colt. Doch die Weltpremiere eines Films aus dem Jahr 1927 vor dem Brandenburger Tor war 2010 der endgültige Startschuss für die digitale Entwicklung der Berlinale. Denn die restaurierte Fassung des Klassikers „Metropolis“ von Fritz Lang wurde nicht nurdort, sondern auch im Friedrichstadt-Palast gezeigt, einer von acht Spielstätten, die im Rahmen der Berlinale über ein  eigenes Glasfasernetzwerk mit dem Berlinale Film Office verbunden waren. Über eine Videoübertragungsstrecke wurde der Film live vom Friedrichstadt-Palast ins Open- Air-Kino am Brandenburger Tor übertragen – das Ende der analogen Zeiten im Festivalbetrieb war besiegelt.

Treiber der Digitalisierung war übrigens nicht das Filmfestival selbst, sondern der European Film Market (EFM), der zweitgrößte Filmemarkt der Welt hinter Cannes. Hier  gilt wie überall im Geschäftsleben das Motto „Zeit ist Geld“ und man wollte durch die digitale Technik Ressourcen sparen und effizientere Workflows etablieren.

Weiterer Ausbau
Der Ausbau des Glasfasernetzes wurde in den Folgejahren stetig weiter fortgesetzt, weitere Kinos angeschlossen.  Seit 2014 ist nicht mehr das Film Office, sondern das Colt-Rechenzentrum in Berlin-Moabit Dreh- und Angelpunkt für die Filmzulieferungen aus der ganzen elt. Die Infrastruktur wird von der Schaltzentrale am Potsdamer Platz vom Team des Berlinale Film Office gesteuert. Hier laufen alle Daten zusammen und von dort aus erfolgt auch die Filmzulieferung an die Festivalkinos. Seit 2015 verfügt man zudem über eine 10-Gigabit- Internet-Anbindung, die über eine direkte Leitung mit dem zentralen Internetknoten DE-CIX in Frankfurt verbunden ist. So können Filme direkt auf die Berlinale- Server hochgeladen werden. Die Zugangsbarrieren  sind niedrig: auch kleine Postproduktionsunternehmen ollen so ihre Daten hochladen können, vorausgesetzt, sie verfügen selbst über eine entsprechende Bandbreite für den IP-Upload. sie verfügen selbst über eine entsprechende Bandbreite für den IP-Upload.

Der Kreis schließt sich
Als letzten Schritt in Richtung Digitalisierung führte man  2018 Software Defined Networking (SDN) und ein On-Demand- Portal ein. Damit soll in Zeiten der Spitzenauslastung Abhilfe geschaffen werden und die Bandbreite inEchtzeit an den jeweiligen Bedarf anpassbar sein. Denn ab  dem Herbst, mit dem Eintreffen der ersten Filme und dem Beginn der Sichtungen, steigt der Bandbreitenbedarf stetig an. Mit dem Startschuss des Festivals im Februar wird die Bandbreite dann auf 1 Gbit/s bis 10 Gbit/s erhöht, um der Auslastung Herr zu werden.

Doch haben die Arbeitsabläufe sich damit wirklich vereinfacht? Ja und nein. Zwar fällt der umständliche  Transport der Filmrollen weg, dafür werden jetzt umso mehr IT-Fachleute benötigt, die die eintreffenden Filme in ein einheitliches Format konvertieren. Auch die Verwaltung der mehr als zehntausend Schlüssel ist arbeitsintensiv, auch wenn eine Softwarelösung Erleichterung schafft.

Und für die Kinos selbst ist es, wie in anderen Branchen auch, nicht einfach Personal zu finden, denn hier gilt es, die Lücke zwischen IT-Experten und Filmvorführer zu schließen. Denn gerade im Festivalbetrieb mit umfassendem Rahmenprogramm und nicht minutiös durchgetaktetenShows sind Kenntnisse aus beiden Welten, IT und Kino,  unabdingbar.

Und für die Zukunft?
Mit der Einrichtung von SDN ist die digitale Infrastruktur  der Berlinale abgeschlossen. Doch mit neuen Technologien kommen auch weitere Arten des Storytelling hinzu. Ob volumetrischer Film, 360°-Projektion oder mehr, die Zukunft wird zeigen, welche Anforderungen an das Kino von morgen gestellt werden.

Bei den 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin, dievom 20. Februar bis 1. März 2020 stattfinden, übernimmt erstmals die Doppelspitze aus Carlo Chatrian und Mariette  Rissenbeek den Staffelstab. Dann liegt es an ihnen, dem Festival eine Richtung zu geben.


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