13.06.2019 | Ausgabe 6/2019

Eintauchen in vergangene Wohnwelten

Bild: VG Bildkunst Bonn 2019, Foto: Dirk Rose

Die Bauhaus-Architektur feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum. Viele Museen nutzten diesen runden Geburtstag, um eigene Projekte vorzustellen, so auch die Kunstmuseen Krefeld. Bei „Anders Wohnen“ konnten die Besucher mittels Augmented Reality hautnah erleben, wie die Menschen um 1930 lebten.

Die Kunstmuseen Krefeld verfügen mit den beiden Museen Haus Lange und Haus Esters über zwei Zeugnisse der Bauhaus-Architektur. Beide Wohnhäuser wurden von dem Architekten Ludwig Mies van der Rohe entworfen und zwischen 1928 und 1930 errichtet. Aus den privaten Villen wurden in den Jahren 1956 und 1980 öffentliche Museen.

Im Rahmen des 100-jährigen Bestehens des Bauhauses beteiligen sich die Kunstmuseen Krefeld mit einem eigenen Beitrag an den zahlreichen deutschlandweiten Ausstellungen und präsentieren ihr Projekt „Anders Wohnen“ in einer Abfolge von Prolog bis Epilog. Den Prolog bildete dabei ein Augmented Reality-Projekt, das von Cognitas, einem Tochterunternehmen von Canon, realisiert wurde. Besucher konnten in den leeren Räumen von Haus Lange auf diese Weise die historische Wohnsituation von 1930 und das Wohnkonzept Mies van der Rohes erleben.

Ausgangssituation
Zu den Kunstmuseen Krefeld, die 1897 gegründet wurden, gehört neben Haus Lange und Haus Esters das  Kaiser Wilhelm Museum mit wechselnden Ausstellungen von Werken vor allem der modernen und zeitgenössischen und der angewandten Kunst. „Mit unserem Beitrag zu 100 Jahre Bauhaus wollten wir neue Wege abseits klassischer Ausstellungen gehen“, erklärt Dr. Sylvia Martin, stellvertretende Direktorin der Kunstmuseen Krefeld. So entstand das Projekt Anders Wohnen. Entwürfe für Haus Lange Haus Esters, innerhalb dessen 15 Künstler für Haus Lange und Haus Esters eigene Wohn- und Lebenskonzepte sowohl für den Innenbereich als auch für die Gartenanlagen beider Villen entwerfen und präsentieren. „Im Rahmen dieses Projekts wird also fortlaufend Kunst in beiden Gebäuden produziert, die sich an den drei Themenkreisen Utopie, Mobilität und Dystopie orientieren“, schildert Martin. Die Zuschauer können an den Ergebnissen im Rahmen von Vorträgen, Diskussionen oder in einer offenen Werkstatt teilhaben. Dabei sollte im Rahmen der Prologveranstaltung auch die Wohnsituation im Haus Lange von 1930 in Teilen in den Räumen erlebbar werden. Da beide Häuser  in ihrer Funktion als Ausstellungsgebäude leerstehen und das Mobiliar fehlt, sollten Einrichtungsgegenstände, Kunstwerke und auch einige Details der Innenarchitektur, die heute nicht mehr vorhanden sind, für die Besucher sozusagen wiederauferstehen“, so Martin zur  besonderen Herausforderung.

AR-Lösung
Canon Deutschland hat seinen Hauptsitz in Krefeld und ist Foto- und Medienpartner der städtischen Kunstmuseen Krefeld. „Wir sind in einem ständigen Austausch miteinander und in diesem Fall schien uns Canon der geeignete Partner, um die fünf Räume in Haus Lange für unsere Besucher virtuell begehbar zu machen mit einem Interieur, das zum Teil von Mies van der Rohe dafür vorgesehen war, aber nie dort aufgestellt wurde“, so  Martin. „Eine Virtual Reality-Umgebung erschien uns als zu abgeschlossen, wir wollten Vision und Realität verbinden, indem unsere Besucher die Zeugnisse der Vergangenheit beim Begehen des Raums erleben.“ Canon habe daraufhin zu einem Augmented Reality-Konzept geraten.

Die Entwicklung einer geeigneten Bilddatenbank war dafür ebenso erforderlich wie der Einsatz einer speziellen Brille, mit der Besucher im Raum umhergehen und nach Belieben die virtuellen Objekte ansteuern können. Die Softwareentwicklung sowie die Auswahl der passenden Hardware hat in diesem Fall die cognitas GmbH übernommen. Die Canon-Tochter ist auf Information Management in Verbindung mit visuellen Inhalten spezialisiert. „Wir konnten in diesem Fall mit der Microsoft HoloLens auf eine kommerziell verfügbare Hardware zurückgreifen, die typischerweise in der Industrie zum Einsatz kommt, etwa bei der Wartung oder in der Konstruktion komplexer Strukturen“, sagt Jan Kagel, Application Engineer bei cognitas. Eine Herausforderung für die Anwendungsentwickler war es, dass die Brille für die Besucher ohne die sonst gebräuchlichen Markierungspunkte im Raum auskommen musste, die normalerweise auf die Wände geklebt werden, damit die Kameras der Brille auf diese Weise eine Orientierung schaffen. Das war aber in Haus Lange aus ästhetischer Sicht nicht machbar“, so Kagel. Darum habe man im internen Speicher der Holo- Lens eine Punktwolke jedes Zimmers hinterlegt, anhand derer sich die Brille orientiert. Der Besucher, der sie trägt, kann auf diese Weise im Raum navigieren. Die virtuellen Ausstellungsstücke erscheinen als dreidimensionale Projektion, sobald der Besucher einen bestimmten Punkt in einem Raum erreicht. Audio-Beschreibungen ergänzen das virtuell-museale Erlebnis.

Museumspädagogischer Ansatz
Mit der für die Microsoft HoloLens programmierten visuellen Wissensvermittlung haben zahlreiche Besucher von Haus Lange einen plastischen Eindruck der Wohnsituation um 1930 und einem nicht ausgeführten Wohnplan von Ludwig Mies van der Rohe erhalten. Man habe so eine kleine Utopie der damaligen Zeit sichtbar gemacht und könne sie in einen Kontext stellen mit den Utopien des Wohnens, die die Künstler heute im Rahmen des Projekts entwickelten. „Das entspricht genau unseren Vorstellungen und unserem museumspädagogischen Ansatz“, so Martin nach dem Abschluss des Prologs. Die großen Datenmengen, etwa der CAD-Daten, wurden so reduziert, dass sie vom integrierten Prozessor der HoloLens verarbeitet werden können. Für die Besucher war die Anwendung somit einfach nutzbar und ließen sie in frühere Welten eintauchen. Alle relevanten Informationen waren individuell zu jedem beliebigen Zeitpunkt abrufbar, je nachdem an welcher Stelle in Haus Lange sich ein Besucher gerade aufhielt – anders als bei einer klassischen Museumsführung. „Einfach nur mit der eigenen Bewegung Informationen abzurufen, das war auf dieser Hardwarebasis ein absolutes Novum für die Besucher.

Indem die durch den Besucher notwendige Aktion auf ein Minimum reduziert wurde, habe man die Welt des Bauhaus virtuell auch jenen Menschen vermitteln können, die nicht unbedingt technik-affin sind“, schließt Kagel. Über ein Dutzend dieser Augmented Reality-Brillen mit zwei verfügbaren Sprachen kamen in Krefeld nach Angaben des Technologiepartners zum Einsatz. Die Ausstellung „Anders Wohnen“ ist noch bis zum 26. Januar 2020 in Krefeld zu sehen.


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