06.11.2020 | Ausgabe 11/2020

Metadaten: Wegweiser im digitalen Medien-Dschungel

Metadaten: Wegweiser im digitalen Medien-Dschungel / Quelle: Photo by ThisisEngineering RAEng on Unsplash

Fernsehen, Netflix & Co.: Im digitalen Content-Dschungel weisen Metadaten wie Trailer, Bilder, Texte und Daten Zuschauern den Weg zu ihrem Wunschprogramm. Die Kreation, Pflege und korrekte Darstellung dieser Metadaten sind aber für Inhalteanbieter, Dienstleister und EPG-Betreiber durch die Vielzahl der Video-Plattformen eine große Herausforderung. Eine Initiative der Deutschen TV-Plattform soll den Marktteilnehmern Orientierung bieten und ein übergreifendes Verständnis zu Mindestanforderungen bezüglich der Metadaten für die Content-Distribution schaffen.

Was sind Metadaten? „Daten, die andere Daten beschreiben, diese Daten aber nicht enthalten,“ sagt Ralf Fenge, Produktmanager Metadaten bei der Mediengruppe RTL Deutschland. „Einfacher ausgedrückt, Metadaten sind programmbegleitende Informationen wie Angaben zu Titel, Schauspielern, Regisseur, Jahr des Drehs, Drehort usw. Wenn Daten das Öl des 21. Jahrhunderts sind, dann sind Metadaten das Schmiermittel. Sie sorgen dafür, dass Daten von A nach B kommen und man im Idealfall sofort weiß, um welche Daten es sich eigentlich handelt. In der TV-Branche also zum Beispiel Filme oder Serien sowie deren einzelne Staffeln und Folgen.“ Damit der Zuschauer vor dem Fernseher bequem alle Informationen zu einzelnen Programmen und Sendungen aufrufen kann, ist im „Maschinenraum“ der Content-Distribution bislang viel Handarbeit nötig, um die schier endlose Anzahl von Inhalten mit ausreichenden und korrekten Metadaten auszuliefern. Dabei kommt es immer wieder zu Reibungsverlusten bei der Datenauslieferung an die verschiedenen Aggregatoren und Plattformen, die jeweils andere Systeme und Anforderungen zugrunde legen. „Die Metadatenstrecke ist lang,“ sagt Uwe Barann, Leiter Playout-Center ARD. „Wir und andere Sender veröffentlichen für unsere TV-Sendungen und Beiträge in der Mediathek Metadaten, die über verschiedene Etappen bis zum Zuschauer gelangen. Das ist ein langer Prozess, in dem die Beteiligten oft ein unterschiedliches Verständnis von Metadaten und deren Verarbeitung haben.“

Metadaten entscheiden, wie Programme gefunden und genutzt werden.
Metadaten entscheiden, wie Programme gefunden und genutzt werden. / Quelle: Screenshot TVNOW

Task Force Metadaten: mit den besten Empfehlungen

Die Deutsche TV-Plattform hat deswegen im Rahmen der Arbeitsgruppe Smart Media im letzten Jahr die Task Force Metadaten gegründet, die von Uwe Barann und Ralf Fenge geleitet wird. „Dreh- und Angelpunkt der Task Force war eben die Frage, ob wir nicht ein gemeinsames Verständnis schaffen können, das einen erforderlichen Minimumkatalog von Metadaten abdeckt. Dazu haben wir zuerst geschaut, was die Beteiligten unter notwendigen Metadaten verstehen und wo Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Sichtweisen liegen,“ beschreibt Uwe Barann die Herangehensweise der Task Force. Die Deutsche TV-Plattform sei dafür das ideale Forum gewesen. „Die Deutsche TV-Plattform ist für so ein Vorhaben geradezu prädestiniert, weil sich unter ihrem Dach Sender, Plattformbetreiber und Hersteller engagieren, und wir somit die richtigen Ansprechpartner sofort an einen Tisch bringen konnten,“ so Barann. „Die Task Force war von vorherein als offene Gruppe für alle Marktteilnehmer angelegt und nicht nur für Mitglieder der Deutschen TV-Plattform. Vom Start weg waren etwa der ORF aus Österreich und die SRG aus der Schweiz mit dabei. Auf Metadaten spezialisierte Dienstleister haben wir im zweiten Schritt mit an Bord geholt,“ ergänzt Ralf Fenge. Diese Aggregatoren nehmen Metadaten von Sendern entgegen, gleichen unterschiedliche Datenbestände an und liefern diese in geeigneten Formaten nach den Vorgaben der Plattformen aus. „Dieses Know-how hat uns entscheidend weitergeholfen. Man könnte etwa denken, dass ein Sendungstitel wie „Wer wird Millionär“ oder „Tatort“ immer von allen gleich verstanden wird. Das ist aber nicht der Fall. Es gibt viele verschiedene Titelarten, etwa Originaltitel oder Planungstitel, darüber gab es bisher kein gemeinsames Verständnis.“

Basis-Set Metadaten für lineare und non-lineare Inhalte

Das galt bislang nicht nur für Titel, sondern praktisch für alle weiteren Felder wie Bilder, beschreibende Texte oder Angaben zur Besetzung. „Wir haben uns alle Punkte vorgenommen und abgeklopft, ob wir sie als Metadaten benötigen und wenn ja, in welcher Form. Das Resultat ist das heutige „Basis-Set Metadaten“, das von Beschreibungen über Publikationswege bis hin zu technischen Angaben eine umfassende und anschauliche Empfehlung für die Distribution von Metadaten gibt. Mit dessen Hilfe sollten Broadcaster, Aggregatoren und Plattformen ihre Abläufe vereinfachen und den Aufwand für das Handling reduzieren können,“ sagt Uwe Barann. „Das ‚Basis Set Metadaten‘ deckt nicht nur die lineare, sondern auch die non-lineare Distribution mit ihren Besonderheiten ab. Dort gibt es zum Beispiel natürlich keine Sendezeit im eigentlichen Sinne, sondern einen Zeitpunkt, ab dem ein Inhalt zur Verfügung gestellt wird. Auch die Länge von Textfeldern in einer klassischen EPG-Übersicht einer Plattform ist ziemlich begrenzt auf 30 bis 35 Buchstaben. „Die Kollegen in der Redaktion können gerne weiter kreativ arbeiten, aber sie sollten sich kurz fassen, sonst wird der Text einfach abgeschnitten,“ sagt Ralf Fenge. „Jeder Sender hat natürlich nach wie vor alle Freiheiten, wir können lediglich Anregungen geben. Für die Metadaten-Distribution an EPG von externen Plattformen stehen alle Programmanbieter vor ähnlichen Problemen. Das Basis-Set Metadaten der TV-Plattform soll deshalb nicht nur den ‚kleinen‘ Broadcastern helfen, unnötige Arbeit bei der Erstellung, Vorhaltung und Weitergabe der Daten Arbeit zu sparen, sondern auch Hinweise geben, wie die Daten ohne zusätzliche Arbeit auf den Geräten ankommen“, so Uwe Barann.

Die Initiative der Deutschen TV-Plattform soll für ein gemeinsames Verständnis in der Branche zu Metadaten sorgen.
Die Initiative der Deutschen TV-Plattform soll für ein gemeinsames Verständnis in der Branche zu Metadaten sorgen. / Quelle: Screenshot joyn

Liste mit maßgeblichen Genres erstellt

Begleitend zum „Basis-Set Metadaten“ hat die Task Force auch eine gemeinsam von allen im Projekt vertretenen Sendern und Plattformanbietern erarbeiteten Liste mit vielen aktuellen Programm-Genres erstellt. „Das ist wirklich ein Novum im deutschsprachigen Markt: eine Liste von maßgeblichen Genres, auf die sich alle Stakeholder als Empfehlung verständigt haben. Jetzt wissen zum Beispiel alle, was die Sender unter dem Genre ‚Krimi‘ verstehen und wie das korrekt auf den jeweiligen Plattformen abgebildet werden sollte,“ sagt Ralf Fenge. Die Genre-Liste ist einfach zu handhaben und insbesondere für die immer häufiger eingesetzten Empfehlungssysteme – sogenannte Recommendation Engines – relevant. Sie spielt deswegen insbesondere bei der Auffindbarkeit und Gruppierung von Inhalten eine wichtige Rolle. „Das ‚Basis-Set Metadaten‘ und die Genreliste sind als Orientierung auch für kleinere Sender sehr hilfreich, sagt Ralf Fenge. Oft wüssten diese Sender nicht im Detail, was sie alles anliefern müssen, um auf einer Plattform wirklich abgebildet zu werden. „Jetzt herrscht mehr Klarheit, was man mindestens anbieten muss, um auf einer großen Plattform wahrgenommen zu werden und wie man Probleme mit der Datenkonvertierung von vornherein vermeiden kann.“

Metadaten-Export

Da Fernsehen heute in der Regel keine nationale Angelegenheit mehr ist, plant die Deutsche TV-Plattform, das Projekt auch über die Grenzen hinweg bekannt zu machen. Die ersten Schritte dazu wurden bereits unternommen. Das „Basis-Set Metadaten“ und die Genreliste wurden übersetzt und sollen der EBU und bei DVB vorgestellt werden. Konkret auf positive Resonanz ist die Initiative bereits in den Niederlanden gestoßen. „In den Niederlanden gibt es ein ähnliches Vorhaben, das von einem großen Metadaten-Dienstleister initiiert wurde. Dort habe ich im Rahmen einer Konferenz mit Sendern und Plattformanbietern das ‚Basis-Set Metadaten‘ und die Genreliste vorgestellt und wie wir das Projekt organisiert haben, was auf sehr positive Resonanz gestoßen ist. Mittlerweile haben die Kollegen einen eigenen Metadatenkatalog entwickelt, und ich konnte wertvolle Erkenntnisse für unsere weitere Arbeit mitnehmen,“ berichtet Ralf Fenge.

Magenta TV
Quelle: Magenta TV

Nächste Schritte

Denn beim jetzigen Status quo soll es nicht bleiben. „Das Basis-Set Metadaten und die Genreliste sind ein wichtiger Meilenstein. Wir behalten den Markt aber weiter im Auge, denn die Anforderungen aus dem Jahr 2020 reichen in zwei Jahren vielleicht nicht mehr aus,“ sagt Uwe Barann. Insbesondere bei den Genres wolle man noch tiefer einsteigen, sagt Ralf Fenge: „Wenn ich mir heute zum Beispiel einen Film mit Tom Hanks ansehe, dann empfiehlt mir die Recommendation Engine einer Plattform weitere Filme mit Tom Hanks. Das geht aber noch viel feiner. Wenn das ein Weihnachtsfilm ist, dann kann mir das System Filme mit Tom Hanks und andere Weihnachtsfilme vorschlagen. Dazu muss es wissen, was ein Weihnachtsfilm ist und das erfolgt über das so genannte Tagging. Man klebt praktisch Etiketten an Sendungen und Filme dran und verfeinert so die Genres. Diese Taggings werden mittlerweile im Markt immer mehr verwendet, und das ist auch für uns ein spannendes Thema. Erfolgt das automatisiert oder redaktionell, wie funktionieren derartige Empfehlungssysteme zukünftig und wie organisieren wir es als Sender, dass diese Taggings auch beim Zuschauer ankommen.“
Das „Basis Set Metadaten“ und die Genre-Liste liegen in deutscher und englischer Sprachfassung vor und können auf der Webseite der Deutschen TV-Plattform abgerufen werden: www.tv-plattform.de.
Am Projekt Metadaten sind aktuell neben den Mitgliedsunternehmen der Deutschen TV-Plattform u. a. Vertreter von acht Broadcastern aus drei Ländern, drei international agierende Aggregatoren, drei Plattformanbieter, vier Gerätehersteller und weitere Stakeholder beteiligt.


 

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