08.06.2020 | Ausgabe 06/2020

Wenn der Filmpreis zu den Gästen kommt

Nominiert im Homeoffice – Der Deutsche Filmpreis 2020

Nominiert im Homeoffice – Der Deutsche Filmpreis 2020 / Quelle: Florian Liedel / Deutsche Filmakademie

Zum 70. Mal vergab die Deutsche Filmakademie im April den höchstdotiertesten Kulturpreis Deutschlands – in diesem Jahr unter besonderen Umständen: Corona-bedingt ohne Gala und Publikum, dafür live und mit zahlreich zugeschalteten Gästen aus den heimischen Wänden.

Es war ein Novum und ein außergewöhnliches Übertragungskonzept, welches der Veranstalter, die Deutsche Filmakademie Produktion in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit mit MBTV, dem rbb im Auftrag der ARD, Studio Berlin, der Media Mobil GmbH, Studio Hamburg MCI in Absprache mit der künstlerischen Leitung innerhalb von zwei Wochen realisieren konnte.

Sendungskonzept – allein zwischen den Wänden

Die Produktion fand im minimalistisch gehaltenen Set des Studio Berlins statt. Der Moderator kommunizierte über fünf große Videoleinwände mit den Nominierten und Laudatoren, die darauf als Video-Splitscreen projiziert wurden.
Insgesamt 89 Schaltgäste galt es je nach Preiskategorie mit bis zu 8 Teilnehmern gleichzeitig über deren persönliche Endgeräte wie Laptop oder Tablet direkt in die 130-minütige Livesendung nach Adlershof einzubinden. Dafür wurde nach einer selbsterklärenden Methode gesucht, um die Verbindung zum Gast technisch unkompliziert und dennoch weitgehend ausfallsicher zu gestalten.

Die vMix-Lösung

Studio Hamburg MCI entwickelte hierfür eine smarte Lösung auf Basis der Videomixer-Software vMix, die auf hochperformanten Grafikrechnern zum Einsatz kam. Mit der integrierten Videotelefonie-Funktion vMix Call ermöglicht das Programm die Einbindung von bis zu acht Videoanrufen gleichzeitig.
Die zugeschalteten Gäste empfingen hierbei das Programmbild und ihren individuellen Rückton. Die n-1 generiert die vMix-Anwendung selbst. Der mit Glasfasern ans System angebundene rbb-Übertragungswagen ergänzte das Tonkonzept zusätzlich mit zwei IFB-Signalen.
Ein weiterer Software-Vorteil ist das Plug-n-Play-Setup. Der externe Teilnehmer muss keine Applikation installieren, sondern wählt sich via zugewiesenem Link über den eigenen Web-Browser direkt in das vMix-System ein. Somit verringerte sich die technische Einweisung der Nutzer im Vorfeld auf ein Minimum.
Neben der Gast-Zuschaltung ermöglicht die Anwendung auch die Integration von Grafiken, die zur Gestaltung der Video-Splits für ein einheitliches Sendungsdesign genutzt wurde. Die Konfiguration der vMix-Software unterscheidet sich allerdings vom bekannten Workflow zwischen Bildmischer und Grafiksystem auf dem Übertragungswagen. Die Software übernimmt vollständig die Aufgaben des Grafiksystems sowie Teile der Bildmischung.

Exemplarische Call-Regie (links Operator und rechts Call-Techniker)
Exemplarische Call-Regie (links Operator und rechts Call-Techniker) / Quelle: MCI/rbb

Workflow – in Kategorien denken

Um der schnellen Abfolge der 19 Preiskategorien gerecht zu werden, stellte MCI unter Nutzung der örtlichen IT-Struktur drei Subregien bereit, die jeweils einer vMix-Workstation zugeordnet wurden und betreute diese federführend.
Jedes vMix-System sendete hierbei seine Signale nur bei jeder dritten Kategorie an den HD1-Übertragungswagen. Die anderen beiden Subregien bereiteten derweil die nächsten Schaltgespräche vor. In durchschnittlich neun Minuten Umbauzeit konnten so die für die jeweiligen Kategorien eigens erstellten Shows ins vMix-System geladen werden. Die Nominierten wählten sich in diesem fest zugteilten Zeitfenster ein, sodass die Verbindungsqualität anhand der Datenrate, sowie Bild und Ton vorab kontrolliert werden konnten.

Teamwork trotz Distanz

Jede Subregie arbeitete während der Live-Show im Dreierteam. Die Redaktion versendete die von den Administratoren vorab zentral erstellten Einwahl-Links zusammen mit einer Anleitung rechtzeitig an die Gäste, da die Zugänge an die einheitlich konfigurierten vMix-Shows der jeweiligen Kategorien gekoppelt sind. Aufbau, Erprobung des Internetanschlusses und Kontrolle der Anrufe unterlag der Verantwortung des Technikers.
Mit jedem Schaltgast wurde in den Tagen zuvor mindestens einmal geprobt, um technischen Problemen vorzubeugen. Als stabilste Lösung erwies sich die kabelgebundene Internetverbindung mit Desktop-PC oder Laptop. Bei instabilen Verbindungen bietet das vMix-System zusätzlich die Option, die Datenrate des Rückbildes zu reduzieren. Wie sich in den Proben zeigte, half vor allem bei WLAN-Empfängern oftmals schon ein kleiner Ortswechsel innerhalb der Wohnung.
Dennoch erfüllten sich nicht alle gewünschten technischen Kriterien vollständig. Die unterschiedliche Ausstattung der Gäste und variierende Qualität der privaten Endgeräte erforderte daher individuelle Optimierung. So half der Techniker, mit Unterstützung des Operators, bei schwächelnden Webcams mit Beleuchtungstipps und probte bei fehlenden Headsets als Tonquelle das richtige Ansprechen, um Rückkopplungen zu vermeiden.
Der Operator fungierte darüber hinaus auch als enges Bindeglied zur Regie im Übertragungswagen und übernahm den Liveschnitt des jeweiligen Submixes. Im gesamten Arbeitsprozess wurden die Teams, aufgrund der gesundheitsbehördlich geltenden Auflagen, durch Trennwände voneinander separiert und in jedem Raum Kontaktlisten geführt. Weiterhin kamen alle Hygieneregeln zur Anwendung und außerhalb der Regien galt die Mundschutz-Pflicht.

Vereinfachte Darstellung der drei Sub-Regien, der Havarie- Regie und ihrer Anbindung an den RBB-Übertragungswagen
Vereinfachte Darstellung der drei Sub-Regien, der Havarie-Regie und ihrer Anbindung an den RBB-Übertragungswagen / Quelle: MCI/rbb

Schwierigkeiten – launenhafte Bandbreite

Der größte Risikofaktor war stets die Netzauslastung des jeweiligen Ortes beziehungsweise die persönliche Bandbreite der Internetanschlüsse der Gesprächsgäste. Deutlich war dies spürbar, als sich eine Schalte ins kanadische Vancouver als unberechenbar herausstellte. Stand die Verbindung im ersten Teil der Show problemlos, brach sie im zweiten Teil inmitten der Dankesrede zusammen.

Technischer Hintergrund –Handschlag von klassisch und smart

Der Kern der Subregien bestand jeweils aus einer leistungsstarken Workstation, die jeweils mit einer vMixPro-Lizenz, einer AJA Corvid 88-T Capture Karte, dem Focusrite-Audiointerface 18i20, einem Elgato Streamdeck und Displays ausgestattet wurde. Zwei SDI-Bildschirme dienten hierbei als Kontrollinstrument der System-Ausgänge. Die Anbindung der Subregien an den Übertragungswagen erfolgte über Glasfaser abgesetzte Stageboxen.
Durch das Embedding und Deembedding der Audiosignale auf Seiten der Zentralregie konnte eine synchrone Übergabe an die Systeme gewährleistet werden. Die Riedel-Kommandoanlage des Übertragungswagens integrierte zwei IFB-Kreise in die übergebenen Bildsignale, sodass das direkte Ansprechen von Laudatoren und Nominierten-Gruppen möglich war. Weiterhin erlaubte eine Vorhören-Funktion die beidseitige Kommunikation.
Baugleich zu den drei Subregien wurde ein Havarie- und Administrationsraum errichtet, dem alle Ausgänge der Subregien auf zusätzlichen Monitoren vorlagen. Bei Ausfällen hätte dieser die havarierende Kategorie laden und somit übernehmen können. Für den Fall einer Unterbrechung des Internets wurde jeweils ein Audiocodec der Firma AETA-Audio vorbereitet, über die ein Gast pro Subregie eingebunden werden konnte.
In jeder Kategorie wurde die Bildkomposition aus Hintergrund und Splitscreen mit vom Grafiker erstellten Assets in der vMix-Software erstellt. Für jedes der vMix-Systeme richtete Studio Berlin eine symmetrische Breitbandverbindung mit je 100Mbit/s ein.

Fazit

Der 70. Deutsche Filmpreis wird sowohl dem Zuschauer als auch dem Team als äußerst ungewöhnliche Verleihung in Erinnerung bleiben. Videoschalten können zwar keine freudige Umarmung und glamouröse Preisverleihung ersetzen, aber sie können ein Zeichen der Anerkennung und Unterstützung in eine durch die Krise schwer getroffenen Branche senden.

https://mci.de/

https://www.rbb24.de/


 

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