03.12.2021 | Ausgabe 12/2021

IP mit Blick auf Mehr

Fernsehregie für hochkarätige Events mit vielen Live-Signalen aus mehreren Städten. // Quelle: Lawo

Eine der zahlreichen Lehren, die man aus den weltweiten Lockdown-Wellen ziehen könnte, ist, dass standardkonforme IP-Verbindungen im Broadcast-Sektor eine wichtige Rolle für all jene spielen, die auf Sendung gehen oder bleiben müssen, selbst wenn sie wegen der Abstandsregeln oder anderer Bestimmungen nicht ins Studio, Funkhaus usw. dürfen. Und generell, wenn ihre Anwesenheit vor Ort aus einem anderen Grund unmöglich ist.

IP-Netzwerke mit WAN-Verbindungen (Weitverkehr) zu anderen Standorten erlauben es Anwendern, zusammenzuarbeiten, obwohl sie sich nicht am gleichen Ort befinden. Dass dies in Echtzeit und mit vernachlässigbarer Latenz funktioniert, wird vorausgesetzt. Ebenso der Umstand, dass die einzelnen Standorte mühelos auf Prozessor- und Produktionskapazitäten zugreifen können, die sich an einem Ort befinden, wo die Mieten erschwinglicher sind. Ganz davon abgesehen, macht es auch finanziell Sinn, wenn sich kleinere Produktionsstätten Prozessorkapazitäten, d. h. Geräte, teilen, um die dezentrale Infrastruktur optimal auszulasten.

Vorausdenkende Anwender in zahlreichen Ländern arbeiten schon eine Weile “virtuell”, d. h. von mehreren geografischen Standorten aus, an Live-Sendungen. Hierfür verwenden sie Mischpulte, Video-Switcher, Software usw., die bei genauerem Hinsehen nur noch als Fernbedienungen von Prozessoren fungieren, die sich nicht selten mehrere tausend Kilometer weit entfernt befinden. Das führt je länger je mehr dazu, dass etablierte Workflows komplett überdacht werden und sich zu agileren, effektiveren Produktionsabläufen wandeln.

Alles im Blick während der Europameisterschaft: Sogar Live-Videobilder werden angezeigt.
Alles im Blick während der Europameisterschaft: Sogar Live-Videobilder werden angezeigt. // Quelle: Lawo

Kabeltest war gestern
Zuverlässige Mess- und Überwachungslösungen sollten für den Bau und die Nutzung von SMPTE 2110-basierten IP-Systemen im Fernsehbereich wie auch in unternehmenseigenen A/V-Anlagen, in der Unterhaltungsindustrie und im Streaming-Bereich eigentlich Pflicht sein. Große Systemhäuser setzen sie bereits beim Aufbau der Anlage ein, denn bei einer IP-Infrastruktur funktioniert der vertraute Kabeltest nicht mehr: Das Lösen einer RJ45- oder Glasfaserverbindung hilft nur selten beim Ermitteln, welches Gerät letztendlich für eine Störung verantwortlich ist.

Bestenfalls wird bei einem solchen Eingriff ein komplettes Rack abgekoppelt – viel schlimmer wäre jedoch, wenn die gesamte Anlage ausfällt. Im Broadcast-Sektor möchte man jederzeit wissen, woher die Daten kommen, wohin sie übertragen werden, welche Route sie verwenden, ob es unterwegs Engpässe und/oder Datenstaus gibt, wer oder was dafür verantwortlich ist usw.

Dafür benötigt man Überwachungs- und Fernmesstechnik, die es Ingenieuren und Anwendern erlaubt, Datenpakete aller Formate und Medienströme erschöpfend zu analysieren. Schließlich handelt es sich in diesem Umfeld ja um Audio-, Video- und Steuerungs- sowie Metadaten statt um Baseband-Signale. Die optimale Überwachungslösung für ein Funkhaus muss ST2110, OTT, PTP, Ancillary-Daten und vieles mehr nicht nur erkennen, sondern auch auswerten können.

Wissen ist Macht
Wo erwünscht, kann ein und dasselbe IP-Netzwerk sowohl für den Geschäfts-Datenverkehr als auch für den Austausch von komplexen Mediendaten (4K und mehr) genutzt werden. Zugegebenermaßen kommt dies in der Praxis eher selten vor: Die beiden Welten werden aus unterschiedlichen Überlegungen fein säuberlich voneinander getrennt.

Der Umstieg auf IP bietet auf jeden Fall den Vorteil, dass die Broadcast-Infrastruktur weitaus schlanker ist als noch vor wenigen Jahren. Bestehende Geräteräume sind schon eine Weile nicht mehr ausgelastet, weil der materielle Fußabdruck zusehends schrumpft. Was dies für die Gewichts- und Platzersparnis in einem Ü-Wagen bedeutet, braucht gar nicht erwähnt zu werden.

Damit wären wir wieder beim Thema: Was tun, wenn etwas nicht erwartungsgemäß funktioniert? Im Falle einer reinen IP-Infrastruktur muss man sich ohne Messinstrumente erstmal überlegen, wo man sinnigerweise mit der Problemsuche beginnen soll. Welche Hinweise bieten sich an, um zunächst in einer Richtung (Gerät unauffindbar, weil die Verbindung gelöst wurde) statt in einer anderen (IP-Adresskonflikt oder PTP-Fehler) zu forschen? Das Ganze natürlich unter enormem Zeitdruck.

Nicht selten stellt man bei Funktechnikern mit einem fundierten Fachwissen über SDI-basierte Ausspielsysteme, das Funktionsprinzip eines Schaltraums oder der Sendeleitung fest, dass sie ihre Zuständigkeit für Probleme in einem mit IP-Switchen unterbauten Netzwerk zunächst einmal ausklammern.

Das sagt natürlich nichts über die Kompetenz solcher Techniker*innen aus. Zeitkritische Aspekte wie minimale, maximale und durchschnittliche Paketlaufzeiten von ST2110-20/30/40-Datenströmen, RTP-Paketverluste, Paket-Jitter, Versatz von RTP-Essenzströmen im Verhältnis zum PTP-Takt, ein relativer Versatz zwischen Audio-, Video- und Ancillary-Streams usw. sind nun einmal technisches Neuland.

Früher bestand der schnellste Ansatz für die Lokalisierung derartiger Probleme im Kauf von Broadcast- und Netzwerk-Messgeräten, die in der Regel jedoch jeweils auf einen Aufgaben- und Einsatzbereich zugeschnitten sind. Tektronix und Leader sind in diesem Zusammenhang vertraute Namen für den SDI-Bereich. Sie bieten die für die Signalüberprüfung und -validierung optimalen Instrumente an.

Reine Software-Lösungen gelten unter Netzwerkspezialisten und Anwendern als perfekt geeignet für Unternehmenssoftware. Leider geben sie jedoch keinen Aufschluss über die Essenzen der Datenströme, die in Broadcast-Netzwerken unterwegs sind.

Wohin geht die Reise?
Herkömmlichen Überwachungslösungen für Broadcast-Anwendungen und Netzwerke geht der tiefschürfende Charakter der notwendigen Zusatzinspektionen ab, die man zum Finden und Verstehen des Grundübels benötigt. Dort, wo Broadcast und Netzwerk aufeinander treffen, sind die Erfahrung und das Fachwissen von sowohl Rundfunk- als auch Netzwerkspezialisten vonnöten. Nur dann lässt sich nämlich eine Strategie entwickeln, mit der Probleme zuverlässig behoben werden können.

Ein wichtiger Grund für die Migrationsbereitschaft hin zu IP ist bekanntlich das Bestreben, jegliche Form der Herstellerabhängigkeit zu vermeiden. Offene Interoperabilitäts-Standards wie ST2110, AES67/RAVENNA, Ember+ usw. wurden extra entwickelt, damit sich Anwender in allen Bereichen für die jeweils am besten geeignete Lösung entscheiden können – ganz gleich, welcher Hersteller sie anbietet.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass auch eine Lösung für die visuelle Darstellung des Netzwerks, der teilnehmenden Geräte und der Mediendatenströme herstelleragnostisch sein muss. Zusätzlich werden hochspezialisierte Werkzeuge benötigt, die all jene Bereiche des Broadcast-Betriebs abdecken, wo Störungen auftreten können.

Eine zuverlässige Überwachung des Workflows liefert derartige Informationen nicht nur in Momenten, in denen man sie dringend benötigt. Sie erfasst und “loggt” sie vielmehr permanent und langfristig, damit man bei der Suche nach dem Auslöser die Zeit gewissermaßen zurückdrehen kann. Dabei sorgt das zugrunde liegende Broadcast-Wissen dafür, dass die Diagnose allen Aspekten Rechnung trägt, die für den Rundfunkbetrieb relevant sind.

Die eingesetzten Technologien müssen eine maximale Agilität aufweisen, elastisch und robust sein und rund um die Uhr arbeiten. Schließlich wird vorausgesetzt, dass die erfassten Informationen Aufschluss über das Wohl und Wehe der gesamten Infrastruktur bieten und die Erkenntnisse – anhand dedizierter Algorithmen – in zweckdienliche Hinweise übersetzen.

Sie erfahren es zuerst
Die voranschreitende Konvergenz der IP-Infrastruktur erfordert eine einheitliche Darstellung aller Produktions- und Ausspielaspekte, allen voran die Medien-Essenzströme, deren Stellenwert man kaum überbewerten kann. Ein Anwender formuliert dies so: „Wir benötigen ein Überwachungssystem, das rund um die Uhr alles im Blick hat. Diese Lösung muss über die Erfahrung eines Rundfunktechnikers verfügen und diese mit dem Fachwissen eines Netzwerkspezialisten kombinieren, damit beide Seiten unseres operativen Geschäfts transparent bleiben.“

Vielerorts spüren Privatsender, wie das Klima zusehends angespannter wird: Mit immer weniger Budget muss immer mehr produziert werden. Nebenher sollen auch noch die Zuschauer bei der Stange gehalten werden. Da muss man sich gut überlegen, in was es sich noch zu investieren lohnt, zumal sich immer mehr Zuschauer vom linearen Fernsehkonsum verabschieden.

LawoDas wiederum führt angesichts sinkender Einschaltquoten zu geringeren Werbeeinnahmen, während nur die wenigsten noch in der Haut eines Kabelanbieters stecken möchten.

Unterbrechungen oder Pannen sind zudem oftmals der Grund, weshalb noch verbleibende Zuschauer wegzappen. Eine Lösung mit Frühwarnfunktionen für die umfassende Systemüberwachung und Echtzeit-Telemetrie kann da Abhilfe schaffen. Selbstverständlich muss sie Medienessenzen in einer komplett IP- bzw. komplett SDI-basierten wie auch hybrid aufgebauten WAN/LAN-Infrastruktur abbilden und sowohl frühzeitig als auch effektiv auf Anomalien hinweisen können.

Lawos SMART-Produktfamilie bringt Licht ins Dunkel der IP-Datenpakete und informiert Anwender durchgängig über den Status des Netzwerks. Diese Lösung deckt alle relevanten Aspekte so umfassend ab, dass sie eigentlich in jeder IP-Infrastruktur für Broadcast-Anwendungen zu Einsatz kommen sollte. Das SMART-Portfolio eignet sich gleichermaßen für Funkhäuser, Ü-Wagen, Studiokomplexe und abgesetzte Produktionseinheiten.

smartDASH ist die Anwenderschnittstelle: Es bietet eine geografische Darstellung des lokalen (LAN) und Fernnetzwerks (WAN). Es zeigt, wo sich die vernetzten Geräte befinden und wie sie miteinander verbunden sind. Es wird ergänzt durch smartSCOPE, einer Software für die detaillierte Paketanalyse unter Berücksichtigung der Eigenschaften und Signaturen der Medienessenzen, die sich im Netzwerk bewegen. Metadaten werden ebenso berücksichtigt wie Kompressionsformate wie JPEG XS.

Die ohne weiteres mögliche Nutzung von Produkten unterschiedlicher Hersteller und die nur noch sehr bedingt physisch nachvollziehbare Wechselwirkung der Geräte und Signale erfordern einen robusten Ansatz für die Fehlersuche und Überwachung des gesamten IP-Netzwerks. Wer smart ist, nimmt dieses Angebot wahr.

Alle für den Broadcast-Betrieb wichtigen Informationen werden in SMART übersichtlich angezeigt.
Alle für den Broadcast-Betrieb wichtigen Informationen werden in SMART übersichtlich angezeigt. // Quelle: Lawo

 

Wie eine moderne Workflow-Lösung helfen kann,
Herausforderungen bei der Content-Produktion zu bewältigen

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Angesichts des großen Bedarfs und Wettbewerbs wird es höchste Zeit, sich Gedanken über den Aufbau eines flexiblen und verlässlichen Produktions-Workflows zu machen, in dem Rohdaten und fertige Inhalte auch in den Archiven jederzeit verfügbar sind und eine optimierte Zusammenarbeit der Kreativteams die Produktionszeiten beschleunigt.

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