11.03.2021 | Ausgabe 3/2021

Auf Remote-Kamerafahrt

Eine kleine Geschichte der ferngesteuerten Kameraköpfe und -kräne

ferngesteuerten Kameraköpfe und -kräne Quelle: Technocrane

Die Geburtsstunde der ferngesteuerten Kameras („Remote“) kann man vielleicht mit dem Aufkommen der „Videoausspiegelung“ bei Filmkameras in den 1970ern ansetzen. Eine kleine Röhrenkamera von Phillips wurde von Arriflex an einen Sucher montiert. Ab diesem Zeitpunkt war der Kameramann nicht mehr an den Sucher seiner Kamera gebunden und wenig später wurden die ersten ferngesteuerten Schwenk- und Neigeköpfe entwickelt.

Lavalou und Masseron entwickelten in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts beim französischen Militär einen Kamerakran mit Kamerakopf, der von Elektromotoren angetrieben wurde und nannten ihn „Louma“ [1].Steven Spielberg war einer der ersten, der die Vorteile des „Remote“ zu Nutzen wusste. Für ihre Erfindung wurden Lavalou und Masseron 2004 mit einem Oscar ausgezeichnet.

40 Jahre später ist nicht nur die Röhrenkamera verschwunden, sondern auch die Filmkamera und ihr Sucher mit Okular. Seither ist die Automatisation stufenweise in den Newsroom und in das Filmstudio eingezogen. Der Autor dieses Artikels, Horst Burbulla, hat diese Entwicklung in seiner Funktion als Inhaber der Firma Technocrane die Jahrzehnte über begleitet und konnte Folgendes beobachten: Im Gegensatz zur Elektronik erlebte die Optik im professionellen Bereich fast keine Miniaturisierung. Während ein Sensor auf die Größe einer Zigarettenschachtel zusammenschmolz, bringt ein Cine-Zoom immer noch mehrere Kilogramm Glas auf die Waage. Diesem Umstand ist noch heute die Größe und das Gewicht von Kamerakränen geschuldet. 4K hat auch nochmal dazu beigetragen, dass die Ansprüche an schöne, ruhige und wackelfreie Kamerafahrten gestiegen sind. Der Fehler, der im analogen Sendebetrieb nicht aufgefallen ist, springt heute bei einem 4K Youtube-Video sofort ins Auge.

Den ersten Schritt ins vollständige Remote hat Mark Roberts in England bereits in den 1990er Jahren unternommen.
Den ersten Schritt ins vollständige Remote hat Mark Roberts in England bereits in den 1990er Jahren unternommen.
Quelle: Mark Roberts Motion Control

Der erste Schritt ins vollständige Remote wurde von Mark Roberts in England in den 90er unternommen. Die großen Kameraroboter konnten Kamerafahrten genau wiederholen und wurden viel bei SFX Szenen in der Filmindustrie eingesetzt.

Wegen der Geräuschentwicklung fanden diese Maschinen aber nicht den Weg ins Fernsehstudio. Zur gleichen Zeit kamen die ersten teleskopische Kamerakräne auf den Markt und wurden bei den großen Samstagabend-Shows eingesetzt. Der Kameramann saß weit hinter der Bühne und steuerte den Kamerakopf, während der Teleskoparm nur bei Bedarf in die Szene hineinfuhr.

Ferngesteuerte Schwenk- und Neigeköpfe auf Pumpen der Firma Hot Head, Radamec und Shotoku wurden hauptsächlich bei Nachrichtensendungen eingesetzt. Ab 2000 fanden konventionelle Roboter aus der Autofertigung mit einer angepassten Software ihren Weg in Fernsehstudios.

Neue Ansprüche an das „Remote“ entstanden durch das Aufkommen von Virtuellen Studios und Studios mit „Augmented Reality“. Wenn zum Beispiel auf einem Tisch eine virtuelle Tischdecke passgenau liegen soll, ist die präzise Erfassung aller Positionskoordinaten und Blickwinkel der Kamera (Tracking) entscheidend. Zugleich wurde die exakte Wiederholbarkeit von Kamerafahrten zwingend notwendig. Was nützt die aufwendigste Grafik, wenn sie an der falschen Stelle steht.

Zu den qualitativen Ansprüchen kamen noch die kommerziellen Bedingungen dazu. Ein 24-Stunden-
Sendebetrieb ist finanziell nur noch „remote“ darstellbar, ein vollautomatisches Studio ist gewünscht. Das am weitesten fortgeschrittene Studio in dieser Richtung findet man in Köln [2]. Bei dem Nachrichtensender NTV startet das Programmablaufsystem solo alle Beiträge, Grafiken, Licht und auch Kamerabewegungen automatisch. Zwei vollautomatische Kamerakräne „Technodolly“ der Firma Technocrane und zwei fest montierte Kameraköpfe fahren synchron die Sendungen.

Eine Kollisionsüberwachungssoftware sichert die weiträumigen Kamerabewegungen. Höhenoffsets passen die Kamerabewegungen den unterschiedlichen Größen der Moderatoren an und manuelle Korrekturen (Override) überschreiben live die programmierte Bewegung und folgen dem Unvorhergesehenen. Programmierbare Kamerakräne wie der Technodolly können nicht nur programmierte Kamerafahrten ausführen [3].

Sie sind auch in der Lage, manuelle Kamerafahrten durch Kameramann und Schwenker aufzuzeichnen. Anschließend kann man diese Szenen bildgenau wiederholen und sukzessive visuelle Effekte einfügen (Passes). Zum Beispiel wurde diese Funktion genutzt bei den einjährigen Dreharbeiten zum gerade abgeschlossenen Film Avatar 2 in Neuseeland. Für diesen 3D-Film wurden zusätzlich alle 3D-Parameter in die Kamerafahrt einprogrammiert. Bei der aktuellen Neuverfilmung von Lord of the Rings werden zudem 100 Prozent und zum Beispiel 50 Prozent skalierte Kamerafahrten kombiniert und so die Gnome zum Leben erweckt.

Die Entwicklung in Richtung remote geht weiter. Noch in den Anfängen, aber schon verfügbar, sind Drohnen, die vorprogrammierte Kamerafahrten fliegen.

Programmierbare Kamerakräne wie der Technodolly können programmierte Kamerafahrten ausführen und manuelle Kamerafahrten aufzeichnen.
Programmierbare Kamerakräne wie der Technodolly können programmierte
Kamerafahrten ausführen und manuelle Kamerafahrten aufzeichnen.
Quelle: Technocrane
Technodolly bei RTL
Technodolly bei RTL
Quelle: Technocrane

 

Newsletter
Ja, ich möchte den Newsletter von FKT abonnieren