07.05.2021 | Ausgabe 5/2021

Let there be light – IP-Vernetzung in Lichtsystemen

Das neue WELT-Nachrichtenstudio im Axel- Springer-Neubau, Berlin // Bild: WeltN24 GmbH/Anne Hufnagl

Anzeige

Die ARRI System Group hat das Systemdesign und die Integration der Lichtsysteme in den zwei
neuen Studioflächen von WeltN24 im Axel-Springer-Neubau in Berlin übernommen. Die durch
WeltN24 definierten Anforderungen an ein zukunftsorientiertes System erforderten die Konzeption
und Umsetzung einer end-to-end IP-Infrastruktur für die Ansteuerung der Scheinwerfer sowie die
Einbindung des Lichtsystems in die zentrale Broadcast-Automation. Die Vernetzung per IP bis zum
Scheinwerfer in einem Broadcaststudio ist weltweit bisher einzigartig.

Wenn alt bewährt nur noch alt ist
Wenn man über Vernetzung in Lichtsystemen spricht, ist das Thema DMX nicht zu umgehen. Dieses digitale Protokoll hat in den 1980er Jahren die Lichttechnik revolutioniert. Es basiert seither auf 512 Kanälen, die mit einer geringen Datenrate, aber über große Strecken stabil übertragen werden können. Das RDM-Protokoll wurde als Rückkanal später hinzugefügt, ermöglicht aber nur begrenzt Konfigurationen und Statusabfragen. Es bringt aber auch den entscheidenden Nachteil mit sich, dass es die Datenrate von DMX reduziert und die Stabilität des DMX-Signals beeinträchtigt.

Durch die Entwicklung von Art-Net, sACN und anderen DMX-Over-Ethernet-Protokollen kann auch DMX über das standarisierte Ethernet-Protokoll übertragen werden. Die Praxis zeigt jedoch, dass ein Großteil der Strecke nach wie vor als DMX übertragen wird, sodass die Vorteile von IP nur begrenzt und für einen Teil des Systems zum Tragen kommen.

Das bedeutet, dass für Lichtsysteme gewerkspezifisches Wissen zur Nutzung und Verwaltung notwendig sind. Protokolle wie SNMP, die in anderen Broadcastgewerken wie Video und Audio bereits standardisiert im Einsatz sind, können nicht verwendet werden.

Über eine end-to-end IP-Verbindung ist es möglich, die Scheinwerfer umfassend remote zu konfigurieren und auch im Servicefall deutlich einfacher Troubleshooting-Maßnahmen durchzuführen.

Die Studio-Deckenkonstruktion ist eine turnkey solution der ARRI System Group speziell für WeltN24.
Die Studio-Deckenkonstruktion ist eine turnkey solution der ARRI
System Group speziell für WeltN24. //
Bild: Torsten Hauer/ARRI System Group

Interdisziplinäre Bedienkonzepte
In der Vergangenheit gab es in der Regel für jedes Gewerk einen dedizierten Operator, der während der Show sein jeweiliges Gewerk betreut hat. Durch verbesserte und neue Technologien ist das heute zunehmend weniger notwendig. Die Broadcast-Anstalten gehen mehr dazu über, Operatoren für mehrere Gewerke gleichzeitig einzusetzen. Neben dem Lichtpult ist der Operator dann noch für Bildtechnik, den Ton und die Kamera-Robotik verantwortlich. Einen Schritt weiter geht das Konzept der Broadcast Automation, welches auch bei WeltN24 zum Einsatz kommt. Hier werden vor allem im News-Bereich die Sendungsabläufe exakt für alle Gewerke vorprogrammiert. Der Bediener startet dann nur noch die Sendung und greift eventuell ein oder justiert nach.

Systemübergreifende Redundanzkonzepte
Mit Methoden der konventionellen Netzwerktechnologie lassen sich Redundanzkonzepte nicht nur vereinheitlichen, sondern in der Regel auch vereinfachen. Protokolle wie Link Aggregation und RSTP (Rapid Spanning Tree Protocol) bieten sichere Möglichkeiten, um Netzwerkgeräte zu vernetzen und beim Ausfall einzelner Verbindungen weiterhin eine Datenübertragung zu gewährleisten. Im Gegensatz zu proprietären Netzwerkkomponenten können Standard-Komponenten wie Netzwerk-Switche zum Beispiel mit einem zweiten Netzteil ausgestattet werden, um den Betrieb im Fehlerfall fortzusetzen. Der Vorteil beim Einsatz von Standard-Netzwerkkomponenten ist neben den verfügbaren Technologien und redundanten Bauteilen vor allem, dass kein dediziertes Wissen zur Administration notwendig ist. Es ist und bleibt IT – unabhängig davon was „hinten dranhängt“.

Ressourcensparende System Integration
Intelligente Vernetzung ermöglicht eine effizientere Ressourcenverteilung, aber nicht nur das: Hardware kann gleichzeitig für verschiedene Anwendungen zum Einsatz kommen. Es ist zunehmend unnötig, dedizierte oder überhaupt Hardware zu verwenden. Virtualisierung ist hier das Schlagwort. Virtuelle Maschinen können für verschiedene Anwendungszwecke mit den jeweiligen Anforderungen eingerichtet werden und laufen auf großen Server-Clustern, die die unterschiedlichen Lastanforderungen durch intelligente Zuweisung abfangen und somit gleichmäßig auf die Gesamtlast verteilen. Ein weiterer großer Vorteil ist die Ausfallsicherheit. Selbst wenn ein oder mehrere Server ausfallen, kann der Betrieb weiter aufrechterhalten werden. Durch die Virtualisierung sind die Anwendungen auch von jedem Punkt aus dem Netzwerk erreichbar und müssen nicht aufwendig einzeln und ortsabhängig angebunden werden. Diese effiziente Nutzung von Ressourcen minimiert nicht nur ungenutztes Potential in der Hardware, sondern kann bei Bedarf auch einfach und flexibel aufgestockt werden.

Im WeltN24 Studio kommen unter anderem ARRI SkyPanel zum Einsatz – sie bieten eine integrierte Ethernet-Schnittstelle & ein Webinterface.
Im WeltN24 Studio kommen unter anderem ARRI SkyPanel zum Einsatz – sie bieten eine integrierte Ethernet-Schnittstelle & ein Webinterface. // Bild: Torsten Hauer/ARRI System Group

WeltN24 macht sich diese Technologie zu Nutze, in dem sie die über die Gebäude verteilten virtuellen Service-Rechner als Client auf die Lichtstellpulte in den Netzwerkracks zugreifen und diese darüber bedienen können. Damit sparen sie sich die aufwendige Vernetzung und Wartung lokaler Desktop-PCs.

Workflow-Automation
Workflow-Automation ist aus technischer Sicht die Synchronisierung einzelner Komponenten – mit dem Ziel, ein orchestriertes Gesamtsystem zu erreichen. Vor allem im News-Bereich sind die Sendungsabläufe wiederkehrend und eignen sich gut, um automatisiert abgefahren zu werden. Die Vernetzung aller Broadcast-Gewerke inklusive des Lichtsystems erlaubt eine zentrale Steuerung entweder durch Triggern proprietärer Komponenten oder direkte Ansteuerung der Endgeräte über IP. Das Abfahren einer Sendung, in der alle Gewerke inklusive Ton, Licht, Video und Kamerarobotik vorprogrammiert sind, reduziert nicht nur Anwenderfehler, sondern erlaubt auch die Synchronisation der eben genannten Gewerke aus künstlerischen Beweggründen. Bei WeltN24 triggert die Broadcast- Automation per MIDI die vorprogrammierten Lichtstimmungen im Lichtstellpult. Die Nutzung eines herkömmlichen Lichtstellpultes ist dann nur noch für den Einleucht-Betrieb notwendig.

Zentrale Systemüberwachung
Neben der umfassenden Vernetzung sind die Zentralisierung und Ausfallsicherheit wichtige Themen für jede Broadcast-Anstalt. Ein zentrales Monitoring reduziert nicht nur den Personalaufwand, sondern erhöht vor allem die Stabilität des Gesamtsystems. Fehler können behoben werden, bevor sie den Betrieb beeinträchtigen; Engpässe können schneller erkannt und ausgemerzt werden. Im Lichtsystem gibt es hier jedoch einigen Nachholbedarf. Lichtsystemspezifische Geräte, die über standardisierte Schnittstellen wie SNMP ihren Status kommunizieren, sind kaum vertreten. Über RDM können zwar Statusdaten abgerufen werden; es kann aber auch, wie eingangs erwähnt, zur Destabilisierung des DMX-Signals führen. Durch eine end-to-end IP-Verbindung kann dieses Problem zumindest teilweise behoben werden. Die Nutzung vom ArtRDM – also RDM über Netzwerk – führt nicht zu den Bandbreitenproblemen und zur Destabilisierung wie beim herkömmlichen DMX-Signal. Außerdem ist es damit auch möglich, normale Instrumente der Netzwerküberwachung und -diagnose, wie zum Beispiel die Prüfung der Erreichbarkeit über Ping zu nutzen.

www.arri.com/systemgroup


 

Newsletter
Ja, ich möchte den Newsletter von FKT abonnieren