11.07.2022 | Ausgabe 7/2022

Revolution in der Live-Produktion

Claus Pfeifer, Head of Connected Content Acquisition, Media Solutions, Pan-European Imaging Products & Solutions, Sony Europe //Quelle: Sony

Claus Pfeifer, Head of Connected Content Acquisition, Media Solutions, Pan-European Imaging Products & Solutions, Sony Europe //Quelle: Sony

Wie IT- und Cloud-Technologien die Live-Produktion revolutionieren und welche neuen Produktions-
modelle dadurch entstehen, beschreibt Sony-Experte Claus Pfeifer im exklusiven FKT-Interview.

FKT: Welche Rolle spielen IT-Technologien in der Live-Produktion?

Claus Pfeifer: IT- und Cloud-Technologien bieten die Möglichkeit, ganz neue Workflows zu realisieren. Die einzelnen Gewerke verteilen zu können, erlaubt eine deutlich größere Flexibilität – wenn bei einer Remote Production etwa Kamera, Mischer und Mainframe an unterschiedlichen Orten eingesetzt werden können. Dies heute variabel zu handhaben, ist ein großer Vorteil.

FKT: Welche Herausforderungen sind bei Remote Production zu meistern?

Claus Pfeifer: Natürlich gibt es auch Flaschenhälse. Wir sind angewiesen auf die existierenden Netzwerke und Bandbreiten. Also gilt es, diese Bandbreiten möglichst gut zu managen. Management Layer ermöglichen es, Netzkapazitäten so flexibel wie möglich zu allokieren und sicherzustellen, dass für eine bestimmte Applikation genug Bandbreite zur Verfügung steht. Das war übrigens einer der wichtigsten Gründe, warum wir die Kooperation mit Nevion – einem Marktführer für Managed-IT – eingegangen sind. Die Steuerung der Netzwerke und die notwendigen Bandbreiten hängen nicht zuletzt von den konkreten Anwendungsszenarien ab – ob es sich nun beispielsweise um UHD-, HD- oder Proxy-Daten handelt. Einen Unterschied macht es auch, ob ein kabelbasiertes Glasfasernetzwerk oder ein mobiles, schnurloses 5G-Netzwerk zur Verfügung steht. Bei 5G-Netzen sind noch gewisse Klippen zu umschiffen. Daran arbeiten wir.

FKT: Welche Produktionsmodelle existieren derzeit?

Claus Pfeifer: Hierzu zählen beispielsweise Remote Control, Remote Processing und Edge Processing. Bei Remote Control wird das Processing zentral belassen und die Steuerung ausgelagert – dorthin, wo das Talent sitzt. Remote Processing bedeutet, dass nur das Daten-Processing ausgelagert wird – beispielsweise in ein Data-Center mit günstigen Energiekosten, wo man auch wunderbar mit Wasserkraft, Wind- oder Sonnenenergie möglichst grün produzieren kann. Dies bedeutet aber wiederum nicht, dass immer allein die eine zentrale Lösung notwendig ist. Wir glauben stark an das Thema Edge Processing.

Die Verarbeitung von Daten sollte dort realisiert werden, wo die größten Datenmengen anfallen und gegebenenfalls die Steuerung auszulagern.

FKT: Welche Kriterien sind für die Wahl des Produktionsmodells entscheidend?

Claus Pfeifer: Ein entscheidendes Kriterium sind die Kosten, die Netzwerke müssen bezahlt werden. Deswegen es ist gegebenenfalls sinnvoller, auf Edge Processing zu setzen. Dort, wo hohe Datenraten notwendig sind, sollte man zentralisieren. Dort, wo weniger Daten anfallen – bei der Steuerung – kann man auslagern.

Das ist die eine Möglichkeit. Die Parameter können sich aber schon wieder ändern, wenn man eine gute Kompression einsetzt. Dann lassen sich mehr Daten über die bestehende Infrastruktur verteilen.

Ein weiteres wichtiges Thema ist Security. Wie stark erlaubt man überhaupt, in die Cloud zu gehen? Ist das sicher genug? Wir denken schon, dass die Cloud in großen Teilen sicher genug ist. Die großen Cloud-Firmen setzen sehr viel Manpower und Technologie für die notwendige Security ein.

Sicherheit bedeutet natürlich nicht nur ITSicherheit, sondern auch Betriebssicherheit. Das ist ausgesprochen wichtig – gerade in der heutigen Zeit, mit den sich ändernden geopolitischen Gegebenheiten. Der eine Broadcaster würde vielleicht eher sagen: Mein Core Value ist, dass ich diese Leistung sicher zur Verfügung stelle – auch wenn es mehr kostet. Eine anderer geht vielleicht etwas mehr Risiko ein und setzt auf die Cloud. Das kann absolut flexibel gehandhabt werden, auch weil sich bestimmte Voraussetzungen innerhalb einer gewissen Zeit verändern können. Da kommen wir wieder auf die Möglichkeit zurück, Netzwerke so zu steuern und zu managen, dass auch der Wechsel von dem einen zu dem anderen Modell problemlos und schnell möglich ist.

FKT: Wie wichtig ist Skalierbarkeit?

Claus Pfeifer: Eines der gewichtigen Argumente für Cloud-Produktion ist, bei großen Veranstaltungen hochskalieren zu können, weitere Ressourcen hinzuzufügen und diese dann nach dem Event wieder herunterzufahren. Skalierbarkeit ist zweifelsohne ein wichtiges Thema, aber auch die Frage nach der Qualität stellt sich in diesem Zusammenhang. Verfüge ich denn über genug Datenraten, um UHD/HDR in der Cloud zu realisieren? Das ist die Frage. Vielleicht ist es dann doch sinnvoller, mit Edge-Devices zu prozessieren und andere Teile in die Cloud auszulagern.

FKT
: Wie haben sich die Arbeitsprozesse bei Ihrem Kunden Discovery Europe nach der Umstellung
auf IP-Workflows verändert?

Claus Pfeifer: Der große Vorteil dieser Lösung bei Discovery ist es, die vorhandenen, verteilten Ressourcen frei, flexibel und ortsunabhängig nutzen zu können. Beispielsweise lässt sich ein Mischer-Prozessor an einer bestimmten Location mit einem Panel an einem anderen Standort steuern - das Unternehmen kann die Produktionsressourcen frei zusammenschalten, so wie es notwendig ist. Das ist ein Beispiel dafür, wie flexibel man mit Distributed Production auf geänderten Gegebenheiten reagieren kann.

FKT: Was bedeutet dies für die Mitarbeiter?

Claus Pfeifer: Sie müssen auf diesem Weg mitgenommen werden. Heute sind Mitarbeiter gefragt, die sich mit Genlock SDI, NMOS und ST-2110 gleichermaßen auskennen. Das ist durchaus anspruchsvoll. Unser Ziel ist es dabei, den Beteiligten möglichst gar nicht unmittelbar zu zeigen, was unter der Oberfläche passiert. Im User Interface sollte das gewohnte Bild erscheinen –verbunden aber mit der Freiheit, dies je nach Bedarf zu verändern.

FKT: Welche IP-Projekte setzen Sie derzeit um?

Claus Pfeifer: In der Schweiz haben wir gerade ein Projekt mit der SRG fertiggestellt, in der drei Locations zusammengeschaltet und Synergien innerhalb der Sendergruppe genutzt werden. Das ist ein Projekt, das den Gedanken der Distributed Production sehr schön widerspiegelt. Es werden auch bestimmt weitere Projekte folgen, die diesem Gedanken folgen und mehr Flexibilität erlauben. Die Technik ist da gegebenenfalls nicht so schwierig, aber das Ganze ist eben auch zu managen. Daher müssen die Menschen, die dahinter stehen,mitgenommen und in die neuen Workflows eingebunden werden. In der Branche findet dieser Transformationsprozess gerade statt. Ich gehe davon aus, dass der Übergang zu neuen Produktionsmodellen schrittweise passiert – und nicht radikal.

FKT: Herr Pfeifer, vielen Dank für das Gespräch.


 

Newsletter
Ja, ich möchte den Newsletter von FKT abonnieren