11.07.2022 | Ausgabe 7/2022

Cloudbasiertes Playout mit Redundanz

Peter Wyrwich, Vertriebsleiter DACH bei TVU Networks //Quelle: TVU Networks

Peter Wyrwich, Vertriebsleiter DACH bei TVU Networks //Quelle: TVU Networks

Peter Wyrwich von TVU Networks erklärt im exklusiven FKT-Interview, warum beim cloudbasierten Playout Redundanz empfehlenswert ist und was die Lösung TVU Channel in der Praxis leistet.

FKT: Warum ist bei einem cloud-basierten Playout-System eine redundante Lösung anzuraten?

Peter Wyrwich: Das ist ausgesprochen wichtig – stellen Sie sich vor, Sie haben eine reguläre TV-Sendestation und durch irgendeinen Umstand fällt der Strom aus. Es gibt auch kleinere Produktionsfirmen, die keine Hardwareredundanz haben. Diese Unternehmen freuen sich über einen cloudbasierten Ansatz - ohne die Notwendigkeit, weitere Infrastruktur in einem zweiten Gebäude oder off-site in einer anderen Stadt installieren zu müssen.

Bei einer cloud-basierten Herangehensweise existieren drei Backupmöglichkeiten: Beim so genannten Hot-Backup wird der TV-Stream und der redundante Stream in der Cloud parallel erstellt – damit kann ich innerhalb von wenigen Sekunden das Signal auf den Cloud-Workflow wechseln. Bei einem Warm-Backup habe ich die Möglichkeit, die Playlist mit meinem Playout-System automatisch zu synchronisieren – nach circa 20 bis 30 Sekunden steht mein Backup-Cloud-Workflow. Bei dem dritten, dem Cold-
Backup muss ich meine Inhalte manuell hochladen und installieren. Das empfehlen wir eher für kleinere Produktionsfirmen. Für den Mittelstand und für große Unternehmen sind Warm-Backup und Hot-Backup der ideale Weg.

FKT: Stromausfälle und Cyberangriffe können ein Problem sein…

Peter Wyrwich: In der Tat, Cyberangriffe sind tagtäglich zu erfahren. Auch vor diesem Hintergrund ist es schade, dass Cloud und redundanter Sendebetrieb noch nicht in so vielen Köpfen angekommen ist. Viele tradtionelle Broadcaster haben Angst vor dem Thema.

FKT: Woran liegt das?

Peter Wyrwich: Das liegt daran, dass es so viele Anbieter gibt. Es ist wie der Elvis-Effekt in der Musik: Viele spielen Ihnen Songs vor, aber eigentlich möchte man den originalen Elvis-Sound hören. Genauso ist es in der Cloud. Es gibt zu viele Informationen und es gibt zu wenig Ausbildung. Ich vermisse mit Blick auf das neue Berufsprofil eines Remote Production Directors das Knowledge beim Broadcaster. Da sollte mehr passieren an den Fachhochschulen und an den Universitäten. Es muss darauf hingearbeitet werden, dass die Angst vor der Cloud verschwindet.

FKT: Wie funktioniert Ihre cloudbasierte Lösung?

Peter Wyrwich: TVU Channel basiert auf unzähligen Micro-Services in der Cloud, die wir in einen NativeData-Container füllen. Erst wenn der Container gestartet wird, findet der Datenaustausch und die Synchronisierung zwischen existierenden S3-Sourcen oder dem Hosted Storage im Studio statt.

Der Native-Data-Container hat den Vorteil, dass er relativ schnell hochgefahren ist – innerhalb von 30 Sekunden. TVU Channel ist ein Playout-Tool so einfach wie ein Outlook-Kalender. Alle denkbaren Quellen – verschiedene Protokolle, Transmitter, Packs – können Sie damit einbinden. Die Lösung unterstützt auch „Hotnews“, indem beispielsweise der mobile Reporter mit dem Smartphone eingeklinkt werden kann. Über einen QR-Code bzw. einen Link haben Sie Zugriff auf den Kalender-Überblick, um die Sendung zu planen oder um den Cloud-Playout mit einer existierenden Playlist zu allen handelsüblichen Studioplattformen zu synchronisieren.

FKT: Wie lassen sich Micro Services als Backup nutzen?

Peter Wyrwich: Stellen sie sich die Live-Übertragung eines Fußballspiels mit einem Remote-Commentator vor. Fällt dessen existierende Hardware (Serverinfrastruktur,Mixer) aus, können wir mit unserem Remote-Commentator-Workflow innerhalb von wenigen Sekunden einen Stream in die Cloud senden. Der Remote-Commentator benötigt lediglich einen Laptop bzw. einen PC und ein Headset – mehr nicht.

FKT: Wo wird TVU Channel eingesetzt?

Peter Wyrwich: In Europa arbeiten wir mit einigen große Fußball-Ligen zusammen, die erste Tests erfolgreich mit uns absolviert haben. Für viele Sender und Produktionsfirmen ist der Cloud-Ansatz beim Remote-Kommentar etwas ganz Neues. Bisher waren sie es gewohnt, Equipment zu dem Commentator schicken zu müssen. Mehrere Entscheider haben unsere Lösung getestet und gesagt: Perfekt, ihr habt sogar die Möglichkeit, die Stadionatmosphäre und zusätzliche Tonspuren über die Cloud zu dem Remote-Commentator zu schicken.

Damit fühlt er sich, als sei er vor Ort im Stadion –und kann den kompletten Remote-Commentator-Workflow realisieren.

Ein anderes Beispiel ist Indien, mit seiner Vielzahl an Sprachdialekten. Dort übersetzen bis zu 100 Dolmetscher einen Haupt-Stream gleichzeitig in die verschiedenen Varianten der indischen Sprache. Dieser Workflow ist erprobt und kosteneffizient.

FKT: Welche weiteren externen Ressourcen lassen sich einbinden?

Peter Wyrwich: Gerade in den USA ist Fan-Engagement – also die Einbeziehung von Zuschauern – ein großes Thema. Da gibt es dann beispielsweise eine Wall in der Umkleidekabine, über die der Fan mit seinem „Idol“ face-to-face über eine Kamera sprechen kann. Der Remotedirektor behält dabei jederzeit die Kontrolle: Er kann entscheiden, wer live in den Workflow geht.

FKT: Welche weiteren Micro Services sind denkbar?

Peter Wyrwich: Auf der NAB haben wir unser Replay- Modell gelauncht, eine Referee-Hilfestellung. Den Beteiligten geben wir damit ein Tool an die Hand, um Schiedsrichterentscheidung überprüfen zu können. Wir haben mit unseren Micro-Services einen Workflow erstellt, wo wir bis zu vier Kamera-Signale auf ein Tablet schicken. Der Referee-Assistant kann in das Material hineinzoomen, die Kameraperspektive wechseln, vor- und zurückspulen usw. Dieses Tool hilft sehr vielen Ligen.

FKT: Wo sind die Grenzen von TVU Channel?

Peter Wyrwich: Ich sehe die Grenzen von TVU Channel nur in der Vorstellungskraft unserer Kunden. Unsere Lösungen sind nicht in Stein gemeißelt. Wenn ein Kunde spezielle Wünsche und Vorstellungen hat, dann sind wir offen und integrieren das auch. Das kann beispielsweise Themen umfassen wie Metadaten-on-the-fly. Mit unserer KI gesteuerten Metadaten-Engine besteht die Möglichkeit, mittels automatisierter Erkennung Objekten oder Gesichtern oder über „Text-to-Speech,“ Teilelemente eines Streams herauszuschneiden – und in der Cloud als Social-Media-Post zu veröffentlichen. Das gelingt innerhalb weniger Minuten.

FKT: Herr Wyrwich, vielen Dank für das Gespräch.


 

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