01.11.2013 | Ausgabe 11/2013

Editorial

Reinhard E. Wagner

Editorial

Reinhard E. Wagner

Die Karikatur eines aktuellen Kalenderblattes in meiner Wohnung zeigt ein Ehepaar in den besten Jahren, das da sagt: „Jetzt, wo wir alt sind und unsere Augen schlechter werden, bekommen wir UHDTV!“ Sehr passend, wie ich finde, denn betrachten wir den demografischen Wandel der Bevölkerung unseres Landes, so werden wir zunehmend überaltern. Das wiederum führt doch unweigerlich zu der Frage: Brauchen wir es wirklich, das UHD-Erlebnis? Die Sportenthusiasten werden das mit einem klaren Ja beantworten, denn der Detailreichtum nimmt zu und (Passiv-)Sport wird zu einem neuen Erlebnis werden. Für ein Live-Signal in diesem neuen Format benötigt man aber Bandbreiten, die zurzeit im regulären Sendebetrieb nicht zur Verfügung stehen. Die bisher gezeigten Showcases verdeutlichten, dass manches möglich ist, was die Branche auch nach vorne bringen wird. Aber was machen die anderen Zuschauer, die einfach nur einen schönen Spielfilm sehen wollen? Content wird zunehmend in 4K hergestellt, aber in dieser Signalqualität ist er mit den derzeit verfügbaren Codecs nicht zu übertragen. Also warten wir noch geduldig auf die Verabschiedung der erweiterten Standardparameter. Das ist auch sinnvoll, denn es muss ja erst einmal das Produktionsequipment aufgerüstet werden und die Produktionsstätten müssen die gesamte Workflow-Kette unterstützen. Kameras sind kein Problem, ebenso wenig die Speicher- und Bearbeitungssysteme. Der Flaschenhals ist die Übertragungskette zum Zuschauer – und da können die Hersteller noch so schöne Sow-Cases anbieten, die tägliche Realität spricht eine andere Sprache.
Der Content muss zunächst in ausreichender Menge zur Verfügung stehen, damit man einen 24/7-Betrieb sicherstellen kann. Derzeit werden aber erst noch alte SD-Studios HD-fähig aufgerüstet – und das nicht nur bei einem Sender in Deutschland. Die Schnittsystemanbieter sagen, dass das Bandbreitenproblem in ihrem Bereich bereits beseitigt ist, denn für die Bearbeitung von 4K-Material an entfernten Produktionsstandorten muss man das Material nicht mehr von A nach B übertragen: Es wird nur noch gestreamt! Aber streamen ist nichts Neues mehr. Das macht uns Youtube vor, wird von IPTV-Lösungen unterstützt, bietet VoD-Lösungen an und wird auch von Schnittsystemen genutzt. Und das wurde nicht nur von Quantel auf der IBC vorgestellt (QTube Intersite), sondern bereits von Adobe auf der NAB 2013 gezeigt und wird mit Adobe Anywhere jetzt als eine verfügbare Streaming-Lösung für die Schnittbearbeitung als aktuelles Produkt unterstützt. Es wird also nicht mehr das Originalmaterial bearbeitet, sondern nur noch anhand von Streams eine Schnittliste erstellt, die nach Fertigstellung schließlich am Content-Standort gerendert wird, um anschließend ausgespielt oder an das Playout-Center übertragen zu werden. Content liegt also zukünftig irgendwo auf einem Server – und wenn man Glück hat, auf einem, der dem eigenen Unternehmen gehört und von einem Systemverantwortlichen des eigenen Hauses betreut wird. Im schlimmsten Fall liegt das Originalmaterial irgendwo in der Cloud, bei einem Serviceprovider, dem es nur um eine effektive Auslastung seiner Speichersystemdienste geht und für den die Datensicherheit nicht zum Angebot gehört. Ich zucke bei dieser Vorstellung noch immer zusammen, so wie ich es auch bei den erlebten Technologievorführungen auf der IBC und in einem exklusiven Workshop getan habe. Beide Veranstaltungen hatten zum Ziel, mich von einem neuen System zu überzeugen, aber leider war die Liste meiner Einwände und Fragen so lang, dass sie in der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung stand, nicht umfassend beantwortet werden konnte/wollte. Ich habe inzwischen bei einigen Anbietern um umfassend tiefgehende fachtechnische Beiträge über diese Thematik gebeten, damit das Verständnis für diese neue Technik nicht durch „Learning by Doing“ erarbeitet wird, sondern der Anwender bereits vor dem Einschalten des neuen Systems so viel Wissen darüber hat, dass er keine Kopfschmerzen haben muss, ob der Content denn sicher ist, wie die Auslastung der Infrastruktur sein wird und welche Arbeitsabläufe an bestehende Gerätschaften mit welchen Protokollen und Metadaten übergeben werden können. Ich lasse mich gerne überraschen, aber nicht zu etwas überreden, sondern nur überzeugen!

Ihr

Reinhard E. Wagner


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