01.07.2014 | Ausgabe 07/2014

Editorial

„Sparen, sparen und nochmals sparen“, so lautet zurzeit die Devise bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Gleichzeitig werden Abermillionen für Übertragungsrechte, populäre Moderatoren und sinnlose Programme – und hier meine ich nicht nur das Rundfunkangebot, sondern auch Software-Lösungen in den Bereichen Office, Produktion, Automation usw. – ausgegeben. Ich könnte es als eine „verrückte“ Realität bezeichnen, wäre da nicht der Wermutstropfen, dass davon Menschen betroffen sind, die um ihre Arbeitsplätze bangen. Auf der einen Seite spricht man von mehr Nähe zum Zuschauer, Trimedialität, Wiederverwertung von Content und Effektivität in der Produktion sowie bei der Contribution, auf der anderen Seite wird aber zunehmend mehr Last auf die verbliebenen Mitarbeiter abgewälzt. Sollte man da nicht eher an den AT-Verträgen in den oberen Etagen feilen sowie Effektivitäts- und Leistungskontrollen in den Redaktionen – und ich spreche hier von den oberen Vergütungsgruppen– durchführen? Nach meinem Wissensstand besteht dort Handlungsbedarf und Einsparpotenzial. Das würde zwar nicht die zu erwartenden Milliardendefizite gänzlich ausgleichen, aber sicherlich für alle Beteiligten ertragbarer werden und die KEF-Verhandlungen unterstützen.
Investitionen sind erforderlich, um mit einem Unternehmen im Markt bestehen zu können. Diese sind sowohl in Technik, Infrastruktur, Personal und Know-how zu tätigen. Erforderliche Migrationen und Umstrukturierungen sind unvermeidbar, sollten aber so erfolgen, dass im Betrieb die Möglichkeit besteht, sich auf das Neue einzustellen. Es sollte nicht so sein, dass Kollegen ratlos vor einem Bildschirm sitzen und der Adrenalinspiegel ins Unermessliche steigt, nur weil er vielleicht zu alt ist und zu unflexibel scheint. Als letzte Konsequenz bleibt ihm dann nur noch der Weg in den Vorruhestand, und der wiederum belastet die Allgemeinheit. Wie lange werden wir uns das noch leisten können?
Interessant ist der Trend zu einer neuen Art der Signalverarbeitung, die sich nicht mehr alleine auf den klassischen Rundfunk bezieht, sondern sich stark auf die neuen multimedialen Verbreitungswege abzielt. Ich spreche hier von MPEG-DASH, WebSocket usw. Aktuell finden Sie dazu Beiträge in dieser Ausgabe der FKT, die vielleicht auch einen Anstoß zum Umdenken geben können. Aber nicht nur in der Signalverbreitung verändern sich die Art und Weise der Handhabung von Content. Bereits bei der Herstellung werden Wege beschritten, die in der Vergangenheit nicht möglich gewesen wären. Insbesondere bei der Akquise und der anschließenden Bearbeitung werden die Fileformate, und damit das bandlose Handhaben von Content, zum Alltagsgeschäft: vorinitialisierte Speicherkarten werden an die Teams ausgegeben, nach dem Dreh erfolgt der direkte Ingest ins Speicher-/Produktionssystem (und wenn die Speicherkarte keine UMID aufweist, kann der Ingest auch nicht erfolgen), sodass die kreativen Köpfe in den Rundfunkanstalten direkt mit der Bearbeitung beginnen können. Die Zukunft hat nicht nur begonnen, sie wird bereits aktiv ein- und umgesetzt. Wer dabei auf der Strecke bleibt, hat Pech gehabt oder nicht ausreichend Wissen erworben, um überleben zu können. Und darum geht es letztendlich, denn wir befinden uns in einem Umfeld, dass fast als gesättigt anzusehen ist. Es wird nachgebessert und umgerüstet, aber das Rad wird nicht mehr neu erfunden! Obwohl, realistisch betrachtet, muss man doch von Neubauten sprechen, wenn wir die Auslagerung von Sendeaktivitäten auf das Internet und die Second-Screen-Angebote betrachten. Allerdings sind diese Neubauten in Software gebettet und damit auf einem Server installiert – erfordern daher nicht mehr das Platzangebot wie dedizierte und proprietäre Hardware aus dem vergangenen Jahrhundert.
Eine schöne, erholsame Urlaubszeit wünscht Ihnen

Ihr R. Wagner


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