01.09.2014 | Ausgabe 08-09/2014

Editorial

In der Politik spricht man vom Sommerloch, wenn Dinge in die Öffentlichkeit gelangen, die eigentlich gar keine Aufmerksamkeit haben sollten. Ganz anders die Aktivitäten eines großen Telekommunikationsunternehmens. Anhand eines Beispiels kann ich belegen, welche Schildbürgerstreiche sich dieses Unternehmen ausdenkt, wenn es darum geht, Gewinnmaximierung zu betreiben. Da wird begonnen, deutschlandweit IDSN abzuschalten und den Bestandskunden, ganz gleich ob langjährigtreu oder nicht, den Anschluss zu kündigen. Alle Argumente, dass man nicht wechseln möchte, werden ignoriert und keine Alternative angeboten. So ist es mir ergangen: zunächst wurde ich über Wochen telefonisch von den Call-Center-Mitarbeitern penetrant mit dem Argument bearbeitet, die Telekom sei gezwungen, die alte ISDN-Technik abzuschalten, da sich die Ersatzteilbeschaffung dem Ende zuneigt und zudem die IP-Technik ja auch zuverlässiger sei. Alle Bemühungen meinerseits, meinen ISDN-Anschluss mit VDSL+ und Hotspot-Zugang weiterhin nutzen zu können, wurden nicht umgesetzt. Stattdessen erhielt ich eine Schlusskündigung, in der mir mitgeteilt wurde, dass mein Anschluss ab der zweiten Oktoberhälfte 2014 abgeschaltet wird und ich dann ohne Kommunikationsmöglichkeit dastehe. Können und sollen wir als Verbraucher ein solches Verhalten des ehemaligen Monopolisten hinnehmen und dabei ignorieren, dass wir aus der Technik doch wissen, dass die heute zur Verfügung stehende Backbone-Bandbreite nicht mehr ausreichen wird, wenn alle 22 Mio. Teilnehmer in Deutschland auf IP-Technik umgeschwenktworden sind? Meine Nachfragen bei Telekommunikationsexperten haben meine Befürchtungen bestätigt. Eine Sprachqualität, wie wir sie bei ISDN gewohnt sind, wird dem Kunden zukünftig nicht mehr zugesichert werden. Was kann man aber machen, um sich gegen diese Machenschaften zur Wehr zu setzen? Die Publikumspresse hat das Thema zumindest in Köln schon aufgegriffen, denn diese Region wird als erste umgestellt bzw. abgeschaltet werden. Die Uhr tickt also und es wird schwer, das seitens der Telekom gesetzte Ziel – bis zum Jahr 2018 flächendeckend ISDN abgeschaltet zu haben – zu durchkreuzen. Ich bin auf die Antworten zu den Fragen gespannt, die während der IFA-Pressekonferenz des Unternehmens (hoffentlich – von mir auf jeden Fall) gestellt werden.

Aber nicht nur die Telefonie steht vor dem Scheideweg: auch auf der Seite der Terrestrik wird es Veränderungen geben, denn die ARD steht einem auf einige Ballungsräume beschränkten Start, wie er derzeit von der Media Broadcast für Mitte 2016 in Aussicht gestellt wird, aufgeschlossen gegenüber. Durch den Umstieg kann die ARD die Verbreitungskosten um rund 15 % reduzieren. Entsprechende Endgeräte werden allerdings erst 2016/17 zur Verfügung stehen. Vor dem Hintergrund der Entscheidung bereiten der BR und das IRT ein Testfeld für die Empfängerindustriein München vor.

Eine Voraussetzung für die DVB-T2-Einführung ist die Kombination von DVB-T2 mit dem Codierverfahren HEVC. Dazu wird der existierende DVB-T-Feldversuch in München mit HEVC-Tests erweitert, um auch portable und mobile Empfangsgeräte testen zu können. Man will damit der Empfänger- und Automobilindustrie ein Testfeld für konfigurierbare Datenströme und Parametereinstellungen anbieten und ebenso die Hersteller von Codecs, Multiplexern und Modulatoren auf der Senderseite unterstützen. Das DVB-T2-Testsendernetz strahlt in einem Gleichwellennetz (SFN) auf Kanal 43 (650 MHz) aus. Zurzeit finden Gesprächen mit verschiedenen Anbietern von eventuell einzusetzenden HEVC-Codern statt. Über HEVC wird ausführlich und aus unterschiedlichen Blickrichtungen in dieser FKT-Ausgabe berichtet.

Ich wünsche Ihnen Besonnenheit sowie viel Erfolg bei allen Entscheidungen und Investitionen. Die Suche nach fachtechnischem Betriebspersonal, das sich diesen Herausforderungen gewachsen sieht, wird dabei ebenso in den Mittelpunkt gerückt werden wie auch die heute oder zukünftig zur Verfügung stehenden Technologien.

Ihr
Reinhard E. Wagner


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