FKT exklusiv: "Im schlimmsten Fall droht Schließung des IRT"

Interview mit Michael Hagemeyer, Geschäftsführer des Instituts für Rundfunktechnik

Dem traditionsreichen Institut für Rundfunktechnik (IRT) droht das Aus: Die Gesellschafter – öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – haben dem IRT zum Jahresende 2020 gekündigt. „Es gibt mehrere mögliche Optionen, die zeitnah im Gesellschafterkreis beraten werden“, sagt IRT-Chef Michael Hagemeyer im Gespräch mit FKT. „Dem möchten wir aber nicht vorgreifen.“ Denkbar sei eine Fortführung des Instituts mit neu, eng an den Bedürfnissen der einzelnen Anstalten orientierten Arbeitsschwerpunkten. „Im schlimmsten Fall droht die Schließung des IRT.“

Michael Hagemeyer, Geschäftsführer des Instituts für Rundfunktechnik (IRT)

Quelle: IRT

Herr Hagemeyer, nach dem ZDF haben auch alle weiteren Gesellschafter - ARD, Deutschlandradio, Deutsche Welle, ORF und SRG SSR - dem IRT zum Jahresende 2020 gekündigt. Wie begründen die Gesellschafter diesen Schritt?
Auslöser für diesen gemeinsamen Schritt war die Kündigung des Zweiten Deutschen Fernsehens Anfang Dezember 2019. Nach eigenen Angaben sehen sich die übrigen Gesellschafter nicht in der Lage, die anteiligen zusätzlichen finanziellen Belastungen mit einem Volumen von jährlich rund 2,5 Millionen Euro zu tragen. Hinzu kommen auch die Risiken aus den Pensionsverpflichtungen bei weiter sinkendem Zinsniveau, die die verbleibenden Gesellschafter übernehmen müssten.

Den Stein ins Rollen brachte die Kündigung durch das ZDF, die im Dezember 2019 öffentlich wurde. In Mainz war zu vernehmen, dass das IRT auf Forschungsfeldern unterwegs sei, die für das ZDF nicht unbedingt Priorität besäßen. Wie bewerten Sie das?
Das ZDF teilte uns schriftlich mit, dass es im Vergleich zu den meisten ARD-Anstalten eine unterschiedliche Ausgangslage (kein Sendernetz, kein Hörfunk und ein relativ geringer Eigenproduktionsanteil) hat und keinerlei Signalwirkung in Richtung eines Ausstiegs weiterer Gesellschafter sieht.
Die Themenschwerpunkte des IRT werden jährlich in einem Fachbeirat erarbeitet und in der ordentlichen Gesellschafterversammlung beschlossen. Das ZDF ist Mitglied des Fachbeirats und hat den stellvertretenden Vorsitz der Gesellschafterversammlung.

Ein Blick zurück: Als Sie im Januar 2018 von den IRT-Gesellschaftern zum Geschäftsführer berufen wurden, befand sich das Institut in schweren Turbulenzen. Ein Patentbetrugsfall erschütterte das Haus, Einnahmen von bis zu 200 Millionen Euro soll ein ehemaliger Patentanwalt dem IRT vorenthalten haben. In Folge eines Mediationsverfahrens zahlte der Anwalt schließlich 60 Millionen Euro an das Institut. Im Jahresbericht 2018 ist nachzulesen, dass diese Zahlung zum „finanziell besten (Jahr) in der Geschichte des IRT“ geführt hat. Stellt sich dies – angesichts des Imageschadens und der aktuellen dramatischen Entwicklungen – letztlich als Pyrrhussieg heraus?
Mein Start im IRT war geprägt von Patentfragen, Gerichtsverfahren und Diskussionen um die ARD-/ZDF-Strukturreform. In den letzten zwei Jahren ist es uns gelungen, mit dem ehemaligen Patentanwalt einen Vergleich abzuschließen, den Arbeitnehmer-Erfindern den ihnen zustehenden Teil auszubezahlen und die Gesellschafter finanziell deutlich zu entlasten. Ferner wurden zahlreiche unternehmerische Entscheidungen für eine Neuausrichtung des IRT erfolgreich umgesetzt. Das Management im IRT wurde komplett umstrukturiert, zahlreiche Abläufe auf den Prüfstand gestellt, neue Forschungsthemen identifiziert und im letzten Jahr das IRT neuorganisiert. Wir haben uns hier auf einem guten Weg gesehen.   

In jener Zeit wurde auch eine Übernahme des IRT durch die Fraunhofer-Gesellschaft erwogen, dann aber wieder verworfen. Welche Argumente sprachen dagegen?
Die Überführung in die Fraunhofer-Gesellschaft wäre aus wissenschaftlicher Sicht äußerst interessant und zukunftsweisend gewesen. Allerdings sprachen aus Sicht der Fraunhofer-Gesellschaft strukturelle, inhaltliche und nicht zuletzt auch finanzielle Aspekte gegen eine Übernahme.

Ist diese Option endgültig vom Tisch?
Eine arbeitsrechtlich tragfähige Überleitung der Mitarbeiter des IRT in die Fraunhofer-Gesellschaft ist vom Tisch.

Sie arbeiten nun intensiv an einem Zukunftskonzept, um das IRT zu retten. Welche Möglichkeiten für ein Weiterbestehen loten Sie aus?
Es gibt mehrere mögliche Optionen, die zeitnah im Gesellschafterkreis beraten werden. Dem möchten wir aber nicht vorgreifen. Denkbar ist eine Fortführung des Instituts mit neu, eng an den Bedürfnissen der einzelnen Anstalten orientierten Arbeitsschwerpunkten. Im schlimmsten Fall droht die Schließung des IRT.

Inwiefern wäre auch eine „Filetierung“ des IRT denkbar – sodass bestimmte Abteilungen des Instituts an einzelne Rundfunkanstalten angegliedert werden könnten?
Der Gründungsgedanke des IRT ist heute wichtiger denn je. Das IRT ist ein Bindeglied zwischen den Rundfunkanstalten, hin zur Standardisierung und zur Industrie. Gerade die Bündelung von Experten mit unterschiedlichem Wissen zahlt sich bei der Forschung und Entwicklung aus. Wir bieten diesen Mehrwert, ohne zusätzlich interne Aufwände bei den Gesellschaftern zu generieren und schaffen somit ökonomische Synergieeffekte. Gemäß der Formel 1 x erarbeiten = n x nutzen.

Das IRT ist an zahlreichen Forschungsprojekten etwa im EU Horizon 2020-Programm beteiligt – von 5G-Xcast über HRADIO bis hin zu Barrierefreiheit mittels immersiver Medien. Was passiert mit diesen längerfristig angelegten Projekten?
Alle Fördergeber und Partner der Projekte, die über 2020 hinauslaufen, wurden informiert, dass unsere Gesellschafter gekündigt haben und aktuell über verschiedene Zukunftsszenarien beraten wird.

Nachdem einige Kollegen das Institut bereits verlassen haben, sind aktuell rund 100 Mitarbeiter am IRT beschäftigt – überwiegend Ingenieure. Wie können Sie Ihre Mitarbeiter zum Bleiben bewegen?
Vor dem Hintergrund der Diskussion um eine Überführung in die Fraunhofer-Gesellschaft haben bereits einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das IRT verlassen. Mit der im letzten Jahr eingesetzten Projektgruppe „IRT der Zukunft“ hat die Belegschaft große Hoffnungen verbunden.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten mit Herz und großer Leidenschaft an ihren Forschungsthemen im IRT. Ihre Begeisterung gilt auch dem europäischen Verbund und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Anders wären diese zahlreichen Erfolge mit der Größe des IRT nicht zu realisieren.

Ein etwaiges Aus des traditionsreichen Instituts für Rundfunktechnik – das seit der Gründung im Jahr 1956 grundlegende und wegweisende Forschungsarbeiten im Medienbereich vorangetrieben hat – wäre ein herber Schlag für den Wissenschaftsstandort Deutschland. Inwiefern sehen Sie hier auch die Politik gefordert?
In der Vergangenheit hat die Politik die Finanzierung des IRT beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk gesehen. Von daher gilt es jetzt zunächst die Entscheidungen der Gesellschafter über mögliche Zukunftsoptionen abzuwarten.   

Auch die jüngeren Zielgruppen zu erreichen, treibt alle Medienhäuser – und insbesondere die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten – um. Welche Signale gingen in der Öffentlichkeit davon aus, sollte man sich von einer Institution wie dem IRT – und damit von wichtiger Forschungsarbeit für die Medientechnologien der Zukunft – verabschieden?
Zukunft gelingt nur mit Forschung und Entwicklung. Manchmal trügt der Eindruck, aber auch Netflix & Co setzten auf F&E und Standards bei der Videocodierung, Untertitelung, Dateiformaten und Metadaten. Das IRT vertritt die Interessen des Rundfunks bei Dutzenden internationalen Organisationen, wie beispielsweise AES, CEPT, EBU, ETSI, HbbTV, ITU, SMPTE, W3C und 3GPP.
Die langjährige Erfahrung unserer Spezialisten, ihr Netzwerk und das Renommee des IRT erlauben einen schnellen Zugang zu den Arbeitsgruppen, um sich bei technischen Entwicklungen rechtzeitig einzubringen. Mit eigener Forschung lässt sich ein Stück weit die Zukunft beeinflussen.

www.irt.de

Interview: Martin Braun

 

 

 

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